Zweitausendvierzehn

Fotos aus dem Jahr 2014: Der Himmel ueber Wien, Blick aus dem Buero-Fenster, Blätter am Avocadobaum, Himmel, Moos, progress-Fahnen

Zweitausendvierzehn, du hast ja eigentlich ganz gut begonnen. Mit Wunderkerzen und dem guten Vorsatz, dass Dinge endlich erledigt und abgeschlossen werden würden. Mit großen Hoffnungen für das Magazinprojekt und noch größeren Ambitionen für das eigene Schreiben. Ich weiß schon fast nicht mehr, was ich in den ersten Monaten so getan habe. Ich hatte immer noch drei von diesen vier letzten Prüfungen vor mir und kämpfte gegen sie, als wären sie die Endgegner*innen bei Pokémon. Auf Rückschlag folgte Erfolg und auf Erfolg folgte Rückschlag. Im Januar benutzte ich zum ersten Mal mein flattr-Geld für etwas anderes als „andere flattrn“: Ich bestellte mir eine Pizza. Am Ende des Monats ärgerte ich mich über die Ereignisse rund um die Demonstrationen gegen den rechtsextremen Akademikerball (an denen ich selbst teilgenommen habe) und sah mir weiterhin „Star Trek – The next Generation“ an, jeden Abend einige Folgen. Absurde Episoden und die beruhigende Stimme Jean-Luc Picards lassen mich gut schlafen.

junges Blatt eines Avocadobaumes

Im Februar spielte ich zum ersten Mal im Leben P&P-Rollenspiele mit Menschen im gleichen Raum und las gefühlte tausend Quellenbücher. Ich bemerkte, das sich zu alt für ein Studi-Ticket geworden war und schaffte mir eine Jahreskarte für die Wiener Linien an, inklusive Twitteraccount. Im März besuchte ich zum ersten Mal die Seestadt, ohne zu finden, wofür ich dorthin gefahren war. Ich las auf einem Poetry Slam und begeisterte die Anwesenden und Mitlesenden, obwohl ich davor unglaublich nervös gewesen war. Ich las dann auch für euch etwas vor, was ich 2015 öfters machen will. Die ersten Ideen, Treffen und Vorbereitungen zum FemCamp begannen, sie sollten mich bis zum Juli begleiten. Ich besiegte nicht nur den Endgegner 2048 noch vor dem ersten Kaffee, sondern auch die zweite der TOP4: Umwelt- und Ressourcenökonomie. Die Proteste gegen die Reform der Studienbeihilfe in Luxemburg begannen langsam sich zu formieren und ernteten Kritik, weil sie nicht mit den Jugendparteien reden wollten (die ja bekanntermaßen die Regierung stellen und im Parlament vertreten sind). Außerdem sah ich „Deep Space Nine“ und vermisste die beruhigende Stimme Jean-Luc Picards zum Einschlafen.

Baustellenaussicht der Seestadt

Im April war ich endlich wieder Teil einer Jugendprotestbewegung, und zwar der größten seit mindestens 2006. Über 15.000 Schüler*innen und Studierende demonstrierten in Luxemburg-Stadt gegen Kürzungen der Studienbeihilfe, es war der erste herbe Gegenwind, den die „neue“ liberale (sie „grün“ und „sozialdemokratisch“ zu nennen wäre zwar taxonomisch korrekt, politisch jedoch eine Lüge) einstecken musste. Wir schrieben eine grandiose Stellungnahme zu dem Gesetzesprojekt, stampften eine Umfrage aus dem Boden und erfuhren die miesen Tricks des „immer offen für Gespräche seins“ und mussten schlussendlich eine Niederlage einstecken (obwohl wir moralische Sieger*innen waren, wenn ich das richtig einschätze). Das begleitete mich den ganzen Mai hindurch, an dessen Ende ich dann endlich den dritten der TOP4 besiegte: auch das Rechnungswesen musste einsehen, dass meine Feder tödlicher war als seine T-Konten und Buchungssätze.
Danach fuhr ich an den Bodensee zum Radiocamp, trank literweise Cola-Mix und genoss die Sonne, pflegte alte und neue Freund*innenschaften und war für einige Tage so glücklich, wie eins nur sein kann, wenn ein Monat voller Barcampvorbereitungen und die letzte und gefährlichste der TOP4 vor einem liegt. Ich glaube, es war auch mal wieder ziemlich kalt in der Nacht und ich hatte sicherlich auch mal wieder schlechte Laune und ging früh schlafen, weil die Musik nicht passte und ich früh wieder wegfahren musste, aber in meiner Erinnerung war die kurze Woche am See voller Sonnenschein und bester Laune. Auf der Rückfahrt erreichte mich eine Schreckensmeldung: Ein schwelender politischer Konflikt war nun heiß ausgebrochen, an den Auswirkungen knabbere ich bis heute.

Der Himmel über der ÖH-Bundesvertretung

Der Juni stand dann ganz im Zeichen des FemCamps (und danach der letzten progress-Ausgabe vor dem Sommer, nachdem wir Ende Februar und Ende April schon Ausgaben produziert hatten). Wir gewannen einen Fotopreis und ich trank auf der Preisverleihung sehr viel Schnaps. Ich traute mich wochenlang nicht, im System meiner Uni nachzuschauen, ob ich die Prüfung geschafft hatte und erfuhr ganz am Ende des Monats nicht nur, dass ich Rechnungswesen besiegt hatte, sondern auch, dass am 11. Juli ein Termin für Physik wäre. Elf Tage Zeit für 200 Seiten Skript, unzählige Formeln auswendig lernen. Ich streifte jeden Tag durch das Land der Physik und suchte weit und breit nach der Erkenntnis, um zu verstehen, was ihr diese Macht verlieh. Und am elften Tag bat ich den Pantheon der Physik um Hilfe und schlug die letzte Gegnerin der TOP4 in der epischsten aller Schlachten (Na gut, ich schrieb eine Prüfung, die ich schon im Internet gesehen hatte, aber schreiben und rechnen musste ich sie ja dennoch). Und am dritten vierten Tage nach dieser Schlacht fuhr ich mit der Straßenbahn zu Mitbewohnsi, das gerade auch Uniabschlusskram erledigen musste und zur Belohung wollten wir Eis essen. Und da dachte ich mir, es wäre doch schön, auch etwas zum feiern zu haben und schaute in das Onlinesystem und sah eine „2“ als Note neben der Physik. Ich kann das bis heute nicht wirklich glauben. Ich wollte singen und tanzen und erwartete, dass sich das Gefühl, im Zentrum des Universums zu stehen, bald wieder einstellen würde. Es war nicht da, noch nicht ganz. Vielleicht, wenn die Note endlich von der Studienabteilung bestätigt werden würde?

korrigierte Fahnen eines Printmagazines

Der Konflikt, der Anfang Juni heiß geworden war, brach nun auch offen aus. Ich sah mich damit konfrontiert, dass mein „Baby“ von zwei politischen Seiten aus in den Dreck gezogen wurde und auch Mails von mir geleaked wurden. Es ging zwar nie um meine Person oder um das, was ich geschrieben hatte, aber da stand mein Name, im quasi-direkten Zusammenhang mit ekligen Vorwürfen. Die Sonne brannte heiß und ich trank guten Kaffee und regte mich auf, den ganzen Tag und die ganze Nacht. Ich weiß immer noch nicht, wer hinter diesem anonymen Blog stand oder steht, ich weiß nicht, wer diese Mails weitergeleitet hat und im Endeffekt hat mich diese ganze Episode um einiges paranoider gemacht. Der Sommer fing nicht gut an. Ich behielt den unruhigen prä-Prüfungsschlafrhytmus bei, fühlte mich ständig unglaublich müde und wusste nicht, was ich hätte dagegen tun können. Ich gab einen zwei Jahre alten analogen Film ab und erlebte in Folge wieder analoge Abenteuer.

Ich nahm zum ersten Mal eine Mitfahrgelegenheit und fuhr in neun Stunden von Wien nach Luxemburg und redete genauso lange über meine Uni und Zukunftspläne und lustige Lehrende und die Unterschiede zwischen den verschiedenen Studien, die es an dieser doch sehr kleinen Uni gibt. Während sich das Gefühl eines großen Triumphes auch im eigenen Jugendzimmer nicht einstellte, kramte ich meine alten Notizhefte raus, fotografierte die lustigsten und bemerkenswertesten Einträge und bloggte darüber. Im August hörte ich versehentlich mit dem Rauchen auf. Ich vergaß einfach für zwei, drei Tage zu rauchen und musste mich dann entscheiden und entschied mich, es mal ohne Tabak zu versuchen, nicht ohne ständig noch das Wuzzelzeug (Tabak, Filter, Blättchen) mit mir herumzuschleppen. Da in Luxemburg zwar viele Menschen auf der Straße rauchen (mehr als in Österreich, scheint mir), jedoch sehr wenige in meinem Freund*innenkreis, gab es für mich auch wenig Versuchung mich alleine vor die Cafés zu stellen und zu rauchen. Auch wenn ich das vermisste: Nicht so sehr das Rauchen an sich, aber die Idee, dass Sommer ist und ich mit einem leckeren Waldfrucht-Cider vor einem Lokal in der Sonne sitze und rauche. Das Wetter spielte für solche Fantasien eh nicht mit und so moderierte ich Live-Radiosendungen, traf mich mit Bekannten und Noch-Unbekannten auf viele Kaffees und lernte, dass ich schwarzen Kaffee doch mag, manchmal sogar lieber als meine geliebte Melange oder lait russe. In meiner Erinnerung lag ich auch tagelang quer auf dem Bett, die Füße auf dem bereitgestellten Bürostuhl, den Himmel müde anstarrend. Merkwürdigerweise habe ich selten Nickerchen gehalten, ich war einfach immer nur sehr müde. So müde, dass ich ein Get-together früher verließ, weil ich einfach ins Bett und schlafen wollte, zu anderen erst gar nicht hin ging, weil ich die Angst hatte, allen dort zur Last zu fallen. Ich wartete immer noch darauf, dass das Gefühl des Triumphes kommen würde. Tat es jedoch nicht.

Moos

Ich fuhr wieder nach Wien, traf mich mit meinen neuen progress-Kolleginnen, erledigte Papierkram und erkundete im September das neue Gebäude meiner Uni, die alte WU. Ein wunderbar hässlicher Betonklotz, dessen Vorplatz langsam von dem eingekastelten Grün zurückerobert wird. Ich brauche drei Besuche in der Studienabteilung, bis ich mein Zeugnis endlich entgegennehmen kann und hoffe, mich nun, da ich es schwarz auf weiß habe, endlich gut über diesen Abschluss fühlen zu können. So unzeremoniell wie mir das Papier überreicht wird, so wenig fühle ich dabei auch. Die (sehr schnelle und unkomplizierte) Inskription in das anschließende Masterstudium ist da schon aufregender. Ich zahle meinen ÖH-Beitrag mit Karte und bin Masterstudierender, als ob das hier die Zukunft wäre. Meinen Plan, „irgendetwas geisteswissenschaftliches“ auf der Uni Wien zu studieren verfolgte ich nur halbherzig und gab irgendwann auf, als auf eine Mail nie eine Antwort kam. Ich mag natürlich immer noch etwas geisteswissenschaftliches studieren, aber nachdem ich im ersten Mastersemester so einen kleinen Vorgeschmack auf das, was es da so geben könnte, bekommen habe, ist das jetzt im Moment nicht so dringend. Das Gefühl eines Triumphes kam nicht. Auch dann nicht, als sie mir im Online-System „BSc“ hinter den Namen schrieben. Ich fiel erneut in meine Lieblingsserie, die es wieder schaffte, mit das Herz zu brechen.

Langsam wurde es Oktober und mit dem Oktober kam das erste Mastersemester, die erste progress-Ausgabe mit neuen Team und mein Geburtstag, zu dem es passenderweise einen autofreien Tag mit Gratis-Eis auf dem Campus meiner Uni gab. Ich musste wieder an brennende Unis denken und ergab mit dem Alltagstrott der Uni, der machte, dass schnell November war. Ich versuchte einmal mehr, bei NaNoWriMo mitzumachen und scheiterte aber schon nach knapp zwei Wochen an dem hohen Workload. Neben Uni und progress halt einfach so mal einen Roman schreiben geht halt dann doch nicht. Immerhin entstand dabei das hier, was ich immer noch ganz okay-ish finde. Und dann doch nicht so wenig Text, an dem ich ja irgendwann™ weiterbasteln kann. Ich entdeckte durch Zufall, dass ein Raum (eher ein Stockwerk), das 2009 besetzt bzw. selbstverwaltet wurde, nun als Räumlichkeiten für eine schicke Vernissage genutzt wurde. Ein merkwürdiges Erlebnis, bei dem mein Kopf schneller abschaltete als meine Gefühle reagieren hätten können: Ich kam mir vor wie in einer merkwürdigen Parallelwelt, in der zwar alles fast gleich aussieht, aber doch einen anderen Zweck hat.

Gin&Tonic

Im Dezember belebte ich Angscht a Schrecken neu und gab meinem Podcast ein neues Format: In Zukunft lästere ich mehr und direkter über luxemburgische Politik und erzähle weniger über meine nicht-existenten Abenteuer im Nachtlebens Luxemburgs. Nach 143 Folgen war dazu vielleicht auch so ziemlich alles gesagt, was ich dazu zu sagen hatte. Die erste der neuen Episoden, Angscht a Schrecken am Steierparadäis, gefällt mir ziemlich gut. Der Monat, vor allem bis zum 20. hin, war sehr anstrengend, da mit viel Unikram vollgestopft, den ich irgendwie erledigen sollte. Ich glaube, ich habe das ziemlich gut hingekriegt, die Noten kommen dann wohl erst bald. Weihnachten war ganz okay, die letzten Tage bis zu Silvester auch.

Und was mache ich jetzt mit dir, Zweitausendvierzehn? Du warst das Jahr des Auf-und-Abs, der Enttäuschungen, des Sommers der Augenringe und des ausgebliebenen Triumphes. Ich habe eigentlich großes erreicht, aber ich hatte nie das Gefühl, dass es reichen würde, um mich wirklich großartig zu fühlen. Stellen wir dich also in das Regal mit dem Laben „Mittelmaß“, Zweitausendvierzehn, und lassen es gut sein.

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