2190ahochzwei

Foto von grauen Wolken über einem matschigen braunen Feld. Das Foto ist durch eine Fensterscheibe fotografiert, auf dem Regentropfen zu sehen sind Photo by SplitShire

Ich sehe mir dein Facebookprofil nochmal an, weil da rechts oben, wo immer steht, was alle gerade tun (und das nach fünf Minuten immer stehen bleibt, weil alle gerade viel zu viel tun), was von dir stand und ich sah, dass du ein anderes Profilfoto hast und das muss ich mir natürlich anschauen. Dabei schmecke ich wieder diesen leicht metallischen Geschmack von damals im Mund, als ich überzeugt war, dass sich dieses Gefühl nur mit einer Krankheit vergleichen ließe: Was für eine arrogante und überheblich-junge Überzeugung.

Ich bemerke, dass die Ereignisse von damals nun sechs Jahre her sind. Sechs Jahre, seit ich mich das erste Mal so „richtig“ verliebt habe. Es ist merkwürdig, das auszuschreiben, ich muss die Wörter wieder durchstreichen. Als würde deswegen irgendetwas besser. Es gibt Dinge, die kann ich nur im Geheimen, in einer halbdunklen Bar nach einem viel zu langen Arbeitstag flüstern, weil sie dann nicht so wirklich scheinen. Ich wandere auf dem schmalen Grat von dem, was ich erzählen kann, weil es einfach die Wahrheit ist und dem, was ich nicht mehr erzählen will, weil es mich zu sehr öffnet. Nicht gegenüber jenen, denen ich erzähle, mit belustigtem Unterton, aus der zynischen Ferne des Alters. Ich darf mich nicht selbst zu sehr öffnen, nicht zu tief in die eigenen Brunnenschächte schauen. Wovor ich mich am meisten fürchte: Eine spontane Zeitreise sechs Jahre zurück. Würdest du wieder alles genau gleich machen? Würdest du wieder eine CD mit selbst eingesprochenen Texten aufnehmen, würdest du dir wieder den Korb selbst abholen, anstatt noch ein paar Tage/Wochen/Jahre im Limbo des Nicht-Wissens und des Sich-Nicht-Ganz-Sicher-Seins zu verbringen?

(Oh wow. Der einzige Moment, in dem du dir tatsächlich die Klarheit, nach der du dich so sehr gesehnt hast, genommen hast und du tust so, als würdest es bereuen? Hallo? *schüttelt sein Alter-Ego*)

Ich sitze euch gegenüber und höre zu, was ihr zu erzählen habt und schiebe die Karten in meinem Deck an Geschichten herum, um mir die passende zurecht zu legen. Was kann ich schon erzählen, was genauso traurig wie lustig ist? Was kann ich schon erzählen, was nicht einfach nur die super-banalste Geschichte der Welt ist? Was kann ich schon erzählen, was nicht die unendliche Erzählung von Passivität und gefühlter Zurückweisung durch die Welt wäre? Was kann ich schon erzählen, was nicht erfunden wäre? Was kann ich schon erzählen, was auch nur halb so gigantisch wäre?

Ich wandere auf einem Grat, den es nicht gibt, denn ich habe ihn geträumt. Auch das ist eine Lüge, ich habe noch nie vom Bergsteigen geträumt. Zum Glück, denn ich würde sicherlich herunterfallen. Ich wandere auf dem schmalen Stück Fels, das Sicherheit bietet – oder anders ausgedrückt: das schmale Stück Fels, das nicht den sicheren Tod in zehntausend Metern Tiefe bedeutet. Ich wandere über diese kilometerlange Metapher (ihr wisst schon: „Meter für Meta“), und suche nach den Verwerfungen in meiner eigenen Geologie. Damals™, 2009. Das Jahr, in dem sich alles änderte. Es begann mit dieser hässlichen Episode, über die ich heute nur noch Gutes zu erzählen weiß.

Denn in Wahrheit war es so:
Ich holte mir einen Korb ab, er war gefüllt mit Erdbeeren und Süßigkeiten, die ganz köstlich schmeckten.

Heute leugne ich das.
Ich leugne die Nacht
Ich leugne den Tag
Ich leugne alles und alle
Ich leugne geleugnet zu haben
Und leugne auch diesen Satz.

Dieser Text erscheint im Rahmen des projektes *.txt und ist meine Abgabe zum ersten Wort.

2 Kommentare “2190ahochzwei

  1. Pingback: Hallo wort.lu-Leser_innen! | enjoying the postapocalypse

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