Der Steg

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Ich gehe über diesen Steg, eine Brücke in einen anderen Stadtteil, der von Eisenbahnschienen vom Rest der Hauptstadt getrennt wird und denke unsinniges Zeug. Zum Beispiel denke ich „Das letzte Mal, als ich hier gegangen bin, war ich mit S. unterwegs, die mich zu ihr nach Hause mitgenommen hat und mir dort allerlei schöne Dinge zeigte“. Das stimmt natürlich überhaupt nicht, denn zwischen heute und dem Male mit S. war 2007. Und 2007 war Luxemburg (und die Großregion) die Kulturhauptstadt Europas und in den runden ehemaligen Eisenbahnreperaturhallen (den „Rotondes“) am Ende dieses Steges fand ungefähr die Hälfte des Programmes statt. In einem Umzugscontainer, der in der etwas schmutzigeren Rotonde stand, durfte ich auch etwas Kunst machen (Ich bin heute immer noch so erstaunt darüber wie damals, stellte ich gerade beim Lesen des Eintrages von 2007 fest. Eigentlich würde ich so etwas gerne öfters machen. So Kunst in Umzugscontainern).

Ich gehe also über diesen Steg, denke unsinniges, nostalgisches Zeug, das überhaupt nicht stimmt und es ist auch etwas blöd, nur S. zu schreiben, denn in zehn Jahren werde ich nicht mehr wissen, welche der vielen (hmm, na ja!) S.sses ich eigentlich meinte. Das ist ja das Schöne an meinen Texten: Ich verstehe sie meistens selbst fünf Minuten nach dem Schreiben noch viel weniger als mein Publikum. Am Ende des Steges gibt eine Treppe und einen Aufzug. Den Aufzug sollte ich bloß nie benutzen, der würde nämlich ständig steckenbleiben, hat S. mir damals erklärt und ich halte mich bis heute daran, deswegen nehme ich die Treppe, auch wenn sie eine jener Metalltreppen ist, durch die der Abgrund durchschimmert, was mich (verständlicherweise!) nervös macht.

Unten angekommen muss ich nach dem Eingang der Rotondes suchen, was nur deswegen notwendig wird, weil die Wirklichkeit leicht von meinen Vorstellungen abweicht. Ich frage mich, ob Menschen, die einen „guten Orientierungssinn“ besitzen, einfach eine sehr realitätsnahe Vorstellung von der Wirklichkeit haben oder ob sie sich wie Schwalben (oder andere Zugvögel) mit speziellen Organen am Magnetfeld der Erde orientieren. Dann stehe ich etwas verloren im Hof zwischen den zwei Rotondes und suche das Radio. Etwas peinlich versuche ich durch die großen Glasscheiben des Containers, von dem ich weiß, dass sich das Radio drin befindet, durchzuspähen, aber ich sehe nichts. Dann dämmert es mir: das Radio befindet sich im ersten Stock der Container. Ich klingele und werde nach einem kurzen Begrüßungsscherz durch die Gegensprechanlage eingelassen. Das letzte Mal, dass ich diese Situation hatte, …

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