Ich lasse mir Fühler wachsen

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Alles hier ist merkwürdig verschoben. Die Dinge sind ein wenig anders als ich sie in Erinnerung hatte und dennoch habe ich immer noch das Gefühl, ich und der Rest der Welt hätten uns weitergedreht, während hier alles stillgestanden hätte. Der Busbahnhof, den alle „Aldringer“ nennen, wird abgerissen. Ich weiß das, ich habe Fotos davon gesehen und darüber gescherzt und eins der Fotos ist sogar der Facebookheader für meinen Podcast, aber natürlich hatte ich es vergessen, weil ich es noch nicht gesehen hatte. Das Erinnerungsäquivalent zum passiven Wortschatz. Auf jeden Fall war die hauptstädtische Post neben diesem Busbahnhof jahrelang der Treffpunkt für alle (jungen) Menschen. Und obwohl gerade eine gigantische Baustelle dort ist, wo sonst die Busse hielten, verabreden sich die Leute immer noch vor dieser Post. Oder mein Freund_innenkreis ist einfach merkwürdig und hat gänzlich vergessen, dass diese Baustelle existiert.

Ich leide unter dem heißen Wetter, aber bald kommt der August und damit sicherlich auch der Regen, und ich staune darüber, wie sehr es überall trotz Baustellen glitzert und blitzt und dass sich trotz unaufhaltsamen Veränderungen scheinbar nichts ändert. Vielleicht wirkt das auch so, weil ich die gleichen Orte aufsuche, die ich seit Jahren besuche und dort die gleichen Dinge wie immer bestelle, weil ich sie insgeheim etwas vermisst habe, auch wenn sie nichts „besonderes“ sind. Alle fragen mich, ob ich noch wohin fahre und ich reagiere mit der gleichen ungläubigen Art und Weise, mit der ich in Österreich Fragen nach Erasmus-Plänen beantworte: Ich bin doch gerade wohin gefahren, hierhin nämlich. Und ich langweile mich auch nicht wirklich, denn gerade genügt es doch erst einmal, nur zu sein und die Fühler auszustrecken und mich zu verorten in diesem Land, das sich in meiner Abwesenheit von seiner schrecklichsten Seite gezeigt hat.

Vielleicht möchte ich ja auch gar nicht vereisen (in Gedanken habe ich schon nach billigen Flügen gesucht), sondern irgendwo sitzen und einen längeren Text schreiben oder ein Hörspiel oder sonst irgendetwas, das ich als praktische hands-on Antwort auf die Frage, was ich diesen Sommer denn getan hätte, überreichen kann. Und derweil lasse ich mir Fühler wachsen, hinter den Ohren, wie ein merkwürdiger Käfer in einer Vitrine im Naturhistorischen Museum und horche auf den allgegenwärtigen Zugfahrten durch das Grün, das ich ewig anschauen könnte, wie ein Bilderbuch, dessen Seiten sich langsam und kaum bemerkbar verändern. Horche, ohne je den Blick vom Fluss, der sich langsam durch die Landschaft mäandert (viel zu wenig im wortwörtlichen Sinn), abzuwenden.

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