Wetterumschwung

wetterumschwung
Es gab einen Wetterumschwung, und mit ihm bin ich nicht mehr synchron mit Wien. Die ersten Tage konnte ich mir noch einbilden, unter dem Dach und mit den gelegentlichen Temperaturspitzen würde ich in etwa so viel leiden wie jene Menschen, die ich in Wien zurückgelassen hatte. Aber nun ist endlich luxemburgischer Sommer: grau, bewölkt und ziemlich viel Regen. „Das ist gut für die Natur“, sagen die Leute. Oder sie sagen: „Das ist gut für den Wein.“ Und der Wein ist wichtig, er steht sogar in der Nationalhymne gleich hinter „dem da oben“, was für ein 98%-Katholik_innenland schon sehr ambigue (ja, das ist ein deutsches Wort!) ist. Ich sage das gar nicht, weil ich das schlimm finde: die Hitze vertrage ich nicht so gut, auch wenn ich es ab einer gewissen hohen Temperatur irgendwie wieder gut finde, weil alles schon so egal ist und die Zeit und der Schweiß und das Denkvermögen fließen. Aber ich mag auch Regenwetter, insgeheim vielleicht noch viel mehr als Hitze.

Ich stehe in diesem Innenhof, heute Festivalgelände, morgen wieder Vorplatz zum Kunstzentrum, es regnet auf mich und ich merke einmal mehr, dass ich das alles nicht kann. Ich kann kein Gespräch mit Menschen führen, die ich länger nicht gesehen habe, weil ich ernsthaft auf diese „Wie geht es dir?“-Fragen antworte und versuche, ein gemäßigtes „Joa“ so zu intonieren, dass die gesamte Ambivalenz meiner Gefühlswelt zum Ausdruck kommt. Ich glaube aber, dass die Leute das nicht hören wollen, sie wollen eine Bestätigung, dass ihre Abwesenheit aus dem eigenen Leben keinen Schaden bedeutet und dass ich auch mit nur geringem Facebookkontakt ein produktives Mitglied der Gesellschaft bin. (Liebe Menschen: Es war trotz meines Gesuders sehr schön, euch alle wiederzusehen! Wir sollten das an einem ruhigeren und trockenerem Ort wiederholen!) Oder so. Vielleicht sind alle anderen genauso überfordert wie ich und die gesamte menschliche Interaktion beruht nur darauf, wer die Überforderung besser verstecken kann. „Die haben mehr Angst vor dir als du vor ihnen“, pflegen die Leute über Wölfe zu sagen und der Mensch ist des Menschen Wolf lautet ja ein altes Sprichwort. Ich habe nur ein T-Shirt an, weil ich optimistisch war, was das Wetter angeht, weil ich den Leuten glaubte, die den Wetterbericht lesen. So mag ich das Regenwetter ganz und gar nicht.

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