Gebirge (IV)

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Der Weg wird immer steiler. Das wundert mich nicht, denn ich erklimme ja einen Berg, der sich ja zuspitzen muss, was gleichzeitig bedeutet, dass alle Wege steiler werden müssen, je mehr ich mich der Spitze nähere. Zumindest scheint mir das eine logische Annahme zu sein. Ich habe zwar einen Gürtel voller merkwürdige Instrumente mit, die mir beim Bergsteigen helfen sollen, aber leider befindet sich darunter kein Miniaturphysikbuch, in dem ich solche Annahmen nachschlagen könnte. So sehr ich dies auch betrauere, so groß ist auch mein Misstrauen, in solch einem Werk überhaupt eine Antwort auf meine Fragestellung zu finden. Aber es bleibt keine Zeit, über den Inhalt hypothetischer Physikbücher zu sinnieren, ich muss zum Gipfel und überprüfen, ob der Himmel aus blauem Glas ist.

Der Wattenebel rückt näher an den Weg. Ich habe das Gefühl, durch einen schmalen Tunnel zu gehen, der steil an die Oberfläche führt. Aber ich weiß instinktiv, dass ich mich hoch oben im Gebirge befinde, denn auch das Atmen fällt mir mittlerweile schwerer. Auch für dieses Problem habe ich eine Lösung an meinem Gürtel. Eine goldene Stimmgabel, deren Zacken ich in meine Nasenlöcher stecke, sorgt für sorgenfreie Sauerstoffversorgung. Ich kann mir nicht erklären, wie das Gerät funktionieren soll, ich spüre es nach dem Einsetzen auch kaum noch, aber jeder Luftzug fühlt sich an wie ein kleiner Urlaub für meine Lungen, rein und frisch, das Atemluftäquivalent zu klarem Bergquellwasser, das Jahrtausende im Gestein gereinigt wurde (zumindest laut der Fernsehwerbung, die bekannterweise niemals lügt!)

Ein kurzer Schmerz flammt rechts auf meiner Stirn, nur anderthalb Zentimeter unter dem Haaransatz auf und verbleibt für exakt sieben Sekunden dort. Ein Gedanke wird geboren. Ich denke mir nichts dabei und mache mich weiter Richtung Gipfel.

Der steile Weg endet an einer Felswand. Zumindest halte ich sie auf den ersten Blick für eine Felswand. Als ich näher komme und mit jedem Schritt Hoffnung verliere, weil ich niemals eine senkrechte Wand erklimmen könnte, entdecke ich, dass die Wand wie eine Badezimmer gefliest ist, in hübschen grünen Fliesen, die aus dem gleichen Gestein wie der Rest des Gebirges zu bestehen scheinen. Außerdem gibt es eine Leiter, wie sie in Schwimmbädern üblich sind, aus Metall, mit dicken, runden Handläufen.

Ich setze einen Schritt auf den ersten Tritt. Der Berg fällt nicht wie ein Kartenhaus zusammen. Es ertönt keine tiefe Stimme, die mir einen schrecklichen und schmerzhaften Tod prophezeit. Kein Erdbeben ist zu spüren. Keine Lawine begräbt mich unter einer erstickenden Schicht Pulverschnee. Nichts passiert. Ich blicke stur geradeaus und betrachte die grünen Fliesen, als ich einen weiteren Tritt nach oben klettere. Ich wage einen Blick nach rechts: Wattenebel. Ein weiterer Blick nach links: Wattenebel. Über mir ist kein Nebel, sondern ein quadratischer Ausschnitt des blauen Glashimmels. Ein hastiger Blick über meine Schulter: nichts als Luft, der steile grüne Weg, der sich in den Nebelschwaden verliert. Langsam steige ich nach oben, als würde ich aus einem sehr tiefen Schwimmbecken aufsteigen, Tritt für Tritt. Noch immer ist es still, noch immer ist die Wand vor mir gefliest.

Ich rutsche nicht ab, während des ganzen Aufstieges nicht, obwohl ich die ganze Zeit Angst davor habe. Meine Hände zittern, die Finger fühlen sich an, als würden sie jeden Moment verkrampfen, aber es passiert nichts, obwohl ich mehr schwitze als sonst. Als ich unter meinen Händen die Krümmung der Seitenstreben der Leiter spüre und weiß, dass ich am Ziel bin, strecke ich meine Arme durch, als würde ich mich aus dem Wasser hieven.

Der Himmel ist tatsächlich aus tiefblauem Glas.
Er hat nun einen kleinen Sprung. Und ich eine Beule am Kopf.

photo by Blake Richard Verdoorn

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