„Wer kein Selbstbewusstsein hat …”

werkeinselbstbewusstseinhatIch hatte diese Woche bisher zu wenig Schlaf, heute sieben Stunden Uni, dazwischen Schreckensmeldungen und dann noch eine lange Besprechung. Und als ich heimkam, noch einen Haufen Arbeit. Als mir dann endlich ein Titel für dieses Interview eingefallen ist, ich die Social Media-Timer gestellt hatte, spülte mir irgendwer dieses Foto in die Twittertimeline:

Da haben in Erfurt also Leute sich gegen Nazis engagiert, indem sie ein Poster aufgehangen haben, auf dem steht „Wer kein Selbstbewusstsein hat, braucht ein Nationalbewusstsein“. Ich verstehe den Gedanken, der dahinter steht. Das ist alles gut gemeint. Und vielleicht bin nach diesem Mordstag etwas mit den Nerven am Ende, aber mich hat das unglaublich aufgeregt. Not in a good way. Wenn ich kein Selbstbewusstsein habe, brauche ich nicht zwangsläufig ein Nationalbewusstsein. Das sagt der Satz aber, grammatikalisch. Und wahrscheinlich ist es auch so gemeint. Weil alle coolen™ Leute haben ja Selbstbewusstsein und wer keins hat, wird halt Nazi.

Ich weiß nicht, wie ich das nett sagen soll, aber: VIELLEICHT DENKT IHR MAL AN DIE FÜNF MINUTEN IN EUREM BEKACKTEN ICHBINSOBELIEBT-LEBEN ZURÜCK, IN DENEN IHR PROBLEME MIT EUREM SELBSTBEWUSSTSEIN HATTET? Und dann stellt euch mal vor, dass diese fünf Minuten sich länger ziehen. So fünf Stunden. Oder Monate. Oder Jahre. Oder ein ganzes verficktes Leben lang. Und – surprise! – es geht trotzdem ohne Nationalbewusstsein. Es geht sogar sehr gut, denn zwischen diesen beiden Dingen gibt es keinen kausalen Zusammenhang. Es gibt viele – viel zu viele – Nazis, Neonazis und andere Rechte, die viel Selbstbewusstsein haben. Und genau soviel Nationalbewusstsein. Nichts ist gefährlicher als das Bild vom Nazi, der einfach „zu dumm“ ist, um zu verstehen, warum es wichtig ist, Refugees aufzunehmen und dass es keine Alternative ist, diese Menschen im Mittelmeer ertrinken oder von DAESH erschießen zu lassen. Dieses Bild schiebt Rassismus als Problem ab. „Ich muss mich nicht damit auseinandersetzen, ob ich rassistisch handele(n könnte), ich hab ja Selbstbewusstsein“ ist die Botschaft, die bleibt. Nichts könnte falscher sein, vor allem wenn weiße Mittel- und Westeuropäer_innen diesen Satz denken.

Im Grunde sind alle diese Pathologisierungen von Nazis und Rechten nämlich nur eins: Betroffenen ihre Menschlichkeit absprechen. Ich bin der festen Überzeugung, dass alle Menschen, egal wie „dumm“, „behindert“, ohne Selbstbewusstsein, arm, usw. sie sind, die Fähigkeit zur Menschlichkeit und „Nächstenliebe“ haben. Ja, der theoretische Hintergrund darüber, wie Rassismus (und andere -ismen) unsere Gesellschaft durchzieht, ist nicht der einfachste. Und ja, da ist sicher Aufklärungsarbeit zu leisten. Oder Zuhörarbeit.

Mich trifft das mit dem Selbstbewusstsein persönlich. Ich habe Tränen vor Wut in den Augen, während ich das hier schreibe. Es ist nur ein nerviger Spruch auf einem Plakat, aber verdammt nochmal – ich habe nicht gefühlt mein halbes Leben mit Teenage Angst verbracht (und mein halbes Blog damit vollgeschrieben), um mir von einem Plakat pauschal Nationalbewusstsein unterstellen zu lassen. Ich brauche das nämlich nicht und habe das nie gebraucht, nicht einmal dunkelsten Stunden.

2 Kommentare “„Wer kein Selbstbewusstsein hat …”

  1. Ich finde diesen Satz auch total abstoßend, da er absolut falsch rüberkommt und ein unangebrachtes Schwarz/Weiß-Bild malt. Danke für diesen Text, der meine Gedanken dazu 100x besser ausdrückt, als ich es jemals könnte! @Guy: Jep, ging mir ganz genauso.

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