Fußmatte

Fußmatte mit Zeitung vor einer Wohnungstür, die leicht geöffnet ist. Links davon steht ein Regenschirm

Du hast deine Zigaretten mitgenommen. Das ist gut so, denn ich hätte sonst wieder mit dem Rauchen angefangen, drei Stunden alleine in deinem Zimmer. Ich meine, was sollte ich auch anderes tun, außer „Arbeiten“ und warten und vielleicht noch einen Kaffee trinken?

Ich denke zurück an letzten Freitag. In meinem Kopf sieht alles aus wie in einem Film, der wie ein Musikvideo geschnitten ist. Ich kann mich an jeden Moment erinnern. Erschrecken, weil jemand mich anspringt, von hinten oder von der Seite und ich dann in ein Gesicht blicke, das ich schon zehntausend Mal gesehen habe. Diesmal ist es anders.

Essen gehen. Das Gesicht zum zehntausendundzweiten Mal betrachten. Vom Klo twittern, wie aufregend alles ist. Mich nicht entscheiden können, was ich essen will. Über die Musikauswahl des Lokals staunen. Nichts zu komisch finden.

Du schließt die Wohnungstür auf, ich blicke auf die Fußmatte. Dort liegt eine Zeitung. Das ganze Wochenende über wird sie dort liegen bleiben und jedes Mal, wenn wir zur Tür rein oder raus gehen, werde ich sie bemerken und in dem Film, den ich in meinem Kopf drehe, einen Schnitt setzen. Wir werden sowieso keine Zeit zum Lesen haben, obwohl wir das zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht wissen können.

Kennst du das Gefühl, wenn sich die Wohnungstür hinter dir schließt du es kaum erwarten kannst, den anderen Menschen zu drücken, gegen die Wand, ins Bett, auf den Boden, wohin auch immer? Ich bin mir fast sicher, dass du es kennst. An diesem Freitag ist es nicht da, zwischen der Zeitung auf der Fußmatte und der Katze, die sich nicht blicken lässt. Herantasten. Beschnuppern. Und dann die längste Nacht der Welt, in der die Sterne für einen kurzen Moment stehen bleiben, um durch das Fenster zu schauen, das da zur Straße und zur Nacht hinausgeht.

Bett. Wir blicken durch Metalstäbe auf das Bett. Zwischen zwei Decken liegt Sexspielzeug auf dem Laken.

Am nächsten Tag strahle ich wie ein in die Jahre gekommenes französisches Atomkraftwerk. Ich möchte nicht darüber sprechen, was in dieser Nacht wirklich passiert ist und dennoch habe ich den Drang, allen davon zu erzählen. Eigentlich verstehe ich auch immer noch nicht, was da passiert ist, vor allem verstehe ich nicht, wie es mir passieren konnte. „Warum gerade ich?“, fragen die Menschen sich, wenn ihnen was schlechtes zustößt. Ich frage mich das, wenn ich in einem fremden Bett aufwache, das sich nicht mehr fremd anfühlt.

Ich kann — wie immer — die Dinge in meinem Kopf, meinem Herzen, meinem Bauch und auf meinen Handflächen nicht benennen. Vielleicht bräuchte ich einfach ein Wörterbuch, auf das ich meine Hand auflegen kann und das mir dann erklärt, wie das Gefühl heißt, das ich gerade habe. Oder die Folien jener Schultage in der vierten Klasse, die ich verpasst habe, weil ich wegen einer Lähmung im Gesicht im Krankenhaus lag und in denen diese Dinge scheinbar erklärt wurden. Wenn ich das Gefühl, ein unzulänglicher, weil mit inkompletten Gefühlsspektrum ausgestatteter Mensch zu sein, so lustig umschreibe, kommen mir auch fast keine Tränen, wenn ich daran denke. Pathos wirkt so gut, wie Ziegenkäse mir schmeckt, auch wenn ich die Vorstellung, ihn aufzuwärmen, eklig finde. Immerhin das weiß ich.

Spaziergang. Am Wasser entlang. An der Stadt entlang. Du erklärst mir Orte, ich versuche sie mir zu merken und frage mich, ob ich andere Orte auf meiner geistigen Landkarte dafür ausradieren muss. Radiert jeder Weg, den ich mir merke, einen anderen aus, den ich mir damit einfach nicht mehr merken kann? Alles wirkt vertraut, aber in Wirklichkeit ist das nur der Uhrturm, an den ich schlechte Erinnerungen habe. Wir essen Pizza und scharfem Öl. Ich vermisse das Öl, das meine Eltern in ihrer Küche standen hatten und das ich mir in meiner Jugend, die ewig weit weg wirkt, obwohl ich immer noch jung bin, über alles drüber geschüttet habe. Ich erinnere mich an den sanften Geschmack von in der Mikrowelle aufgewärmten Kartoffelpüree, in den langsam die Schärfe des Öls diffundiert. Das Wunder der Osmose, ich könnte jeden Tag darüber staunen.

Blick durch eine Tür nach außen auf eine Fußmatte, auf der eine Zeitung liegt. Im Hintergrund Stiegenhaus.

Immer wieder kurze schnelle Schnitte auf die Fußmatte, Musikvideostyle. Die Zeitung liegt immer noch da, das ganze Wochenende, denn niemand von uns hat Zeit zu lesen. Sie rinnt uns davon, wie ein Klischee über meine Fingerspitzen, während ich Schnitte setze und du Takte zählst.

Die wundervollen Fotos stammen von Steph/Chibi.Ciuccio Seifenblasen-Artwork und unterliegen ihrem Copyright. Sie hat auch eine Facebookseite, die ihr gefälligst alle liked.

2 Kommentare “Fußmatte

  1. Pingback: Lesestoff • Ausgabe #6/2016 - Neon|Wilderness

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