Frittierfett

In der Wohnung über mir rückt einen eine Person einen Tisch oder ein anderes schweres Objekt. Das ergibt ein Geräusch, das entfernt nach Vibration klingt. Ich glaube kurz, es wäre mein Handy und schrecke zusammen. Weil ich immer zusammenschrecke. Laute Geräusche sind nicht gut für mich, und einzig die Angst, eine unglaublich wichtige Nachricht zu verpassen, führt dazu, dass ich dem Telefon überhaupt erlaube, zu vibrieren. Das soll es zwar auch nur in einigen wenigen Ausnahmefällen tun, aber manchmal häufen sich die Ausnahmefälle halt. Ich sitze nervös an meinem Schreibtisch und suhle mich in meiner Nervosität. Ich kann überhaupt an kaum was anderes denken, mein Körper fühlt sich an, als würde er sich auflösen, am Ende bin ich eine kribbelnde Masse Nervosität, ein Blob aus Ektoplasma.

In der Straßenbahn warf ich halblaut mit düsteren Prophezeiungen um mich. Sie haben sich alle erfüllt, oder zumindest glaube ich das. Das war eine andere Zeit, vor drei, vier Wochen (oder sind es mittlerweile Monate?), als noch Sommer war und der Herbst ein Gespenst, vor dem niemand Angst hat. Ich denke darüber nach, wie viele Zellen meines Körpers von damals wohl schon abgestorben sind, wie viele Hautschuppen ich seitdem verloren habe und wie viele Barthaare ich mir ausgerissen habe, weil sie in einem ungünstigen Winkel abgestanden sind. Ich wünsche mir, ich könnte in einen Spiegel schauen und den Menschen von damals sehen und mich selbst nicht wiedererkennen.

Draußen regnet es, beinahe den ganzen Tag. In einer der kurzen Pausen sitze ich am Balkon und sehne mich nach dem Sommer, der kurz wieder so nah scheint. Ich habe ihn nicht genossen, scheint mir. Ich hatte großartige Pläne, aber ich habe nie angefangen, sie umzusetzen. Stattdessen ist alles ganz anders gekommen, was sowieso viel besser war. Am Balkon vermisse ich den Regen trotzdem, ich habe mich daran gewöhnt. Vielleicht habe ich mich an all das einfach nur so sehr gewöhnt, dass ich nicht mehr ohne kann? Am Balkon sitzen und in ein Telefon reden und Drama haben, als sei das ein gutes Hobby. Dann kommt der Herbst und in seinem Schlepptau der Winter, unbarmherzig und kalt. Statt mich an den Erinnerungen des Sommers zu laben, setze ich mich hin und schreibe einen Monat lang, bis einer der großartigen Pläne erfüllt zu sein scheint.

Mein Gewand riecht nach Frittierfett, ich bemerke es erst am Morgen. Nichtrauchen ist auch keine Alternative, zumindest nicht, wenn es um olfaktorische Belästigung geht. Ich hab eine Zigarette geschnorrt, weil es nicht ging, keine zu schnorren, weil ich genau das Erlebnis bekommen wollte, das ich bekam (Und rauchen ist einfach so cool). In meinem Kopf dreht sich noch immer alles, als würde da ein Karussell viel zu schnell und zu laut herumfahren, ohne dass ich es stoppen könnte. Das Wissen, dass es gleich wieder vorbei war, macht die Erinnerung daran, dass es überhaupt war, trüb, wie die Sojamilch, die ich so oft in meinen Tee schütte, den ich viel zu süß trinke. Ich muss an die Kälte denken, vor dem Lokal, an die Leute, die Vorbeigehen, an meine Gedanken, die dort schon Karussell gefahren sind, – war es Achterbahn? – an die Wärme, an meine Unbeholfenheit angesichts dem Allem, an die Pläne, die gemacht wurden und ich kann all dies nicht ordnen.
Ich sitze mit meinem Morgenkaffee am Balkon und überlege, was ich hören könnte an diesem grauen Tag, der viel zu früh begann und rieche wieder das Frittierfett an meinem Gewand.

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