Was ich beim progress gelernt habe (I): Redaktion


Ein Sonntagabend, Mitte Juni. Ich sitze mit drei anderen Menschen auf einem Dach im vierten Wiener Gemeindebezirk, mit Blick auf das ORF-Funkhaus und Karlskirche. Wir trinken Gin Tonic und rauchen, während die Sonne sich langsam dem Horizont entgegen bewegt. Es ist das Ende des Produktionswochenendes an dem wir unsere letzte gemeinsame Ausgabe des progress‘ fertiggestellt haben. Wir wissen nicht, ob es nicht vielleicht sogar die letzte Printausgabe überhaupt ist. Für die meisten von uns ist ziemlich klar, dass wir nicht weitermachen werden (dürfen). Ich bin anfangs überhaupt nicht melancholisch, sondern nur erschöpft von dem Wochenende, an denen wir Fahnen korrigiert und die letzten Details geklärt haben. Es gibt immer noch ein Beistrich (Komma), das zu viel oder zu wenig ist, ein Lead, der noch knackiger sein könnte und ein Fotocredit, der irgendwo fehlt. Außerdem müssen Editorial, Inhaltsverzeichnis, Anreißertexte und ähnliches Kleinzeug geschrieben werden (am Besten am Freitag, damit sie am Samstag und Sonntag schon auf den Fahnen lektoriert werden können). Der Sonnenuntergang am Dach ist wunderschön, wir staunen alle. Ich sage trotzdem so etwas wie: „Ich mag nicht, dass die Sonne untergeht, denn das ist dieser Tag vorbei, und dann ist das mit dem progress und uns vorbei.“

Vier Jahre war ich jetzt in der Redaktion, oder in der Chef_innenredaktion, wenn eins es denn so nennen will. Meine Kolleg_innen haben alle viel häufiger gewechselt, bei Entscheidungen waren wir trotzdem immer alle gleichberechtigt und haben versucht, die Dinge im Konsens zu regeln – was erstaunlicherweise meist ganz gut geklappt hat. Die ersten zwei Jahre habe ich nur Print gemacht, die letzten zwei Jahre sollte ich dann vor allem Online machen – durch die äußeren Umstände habe ich trotzdem immer wieder beim Printmagazin mitgemacht. 16 Ausgaben waren es insgesamt seit Juli 2013, wenn ich richtig gezählt habe. Anfangs 36 Seiten und sechsmal im Jahr, dann 40 Seiten (weil billiger), dann nur noch 32 und theoretisch vier mal im Jahr bei halber Auflage. Als Magazin der Bundesvertretung der Österreichischen Hochschüler_innenschaft unterlag und unterliegt das progress dem Goodwill der politischen Entscheidungsträger_innen, die alle zwei Jahre neu gewählt werden. Ich werde diesem Spannungsfeld einen eigenen Eintrag widmen, aber um schon mal eins vorwegzunehmen: Das progress stand meistens nicht sehr hoch auf der Prioritätenliste.

Vor dem progress hab ich zwei Jahre lang Chefredakteur beim „ÖH_Magazin“ meiner „lokalen“ Hochschüler_innenschaft an der BOKU „gespielt“. Ich schreibe „gespielt“, weil das Magazin sich, anders als das progress, komplett auf unbezahlte Beiträge stützte und vor allem Menschen aus Studienvertretungen und ÖH-Referaten schrieben, um ihre Tätigkeiten vorzustellen. Ein paar motivierte Menschen, die sich am Journalismus ausprobierten, gab es auch – und der Lerneffekt ist weder bei den Autor_innen, noch bei mir ausgeblieben. Ich kannte redaktionelle Abläufe also schon ein wenig, die inhaltliche Arbeit beschränkte sich aber oft auf „mit dem Arbeiten, was da ist“ und „Wenn ich einen Artikel dazu will, muss ich ihn selbst schreiben oder stark hoffen“. Beim progress war das – eins wundere sich, was Geld (und eine größere Auflage) nicht alles erreichen kann – etwas anders.

Jede Ausgabe begann mit einer Redaktionssitzung, zu der Menschen kamen und Artikel vorschlugen. Wenn wir gut waren, hatten wir auch schon davor ein Thema für unser Dossier festgelegt und potentiellen Autor_innen mitgeteilt, vielleicht hatten wir auch ein paar Artikelideen, die wir während der Sitzung an Autor_innen verteilten. Am spannendsten fand ich es, wenn eine Diskussion über Artikelvorschläge entstand, an der sich viele der Anwesenden beteiligten. Das ist nicht so unglaublich oft und vor allem nicht bei jeder Idee passiert, aber so mancher Artikel wurde hier vorgeformt.

Wir – also die drei bis vier Leute, die die „Chef_innen“redaktion bildeten und offiziell Sachbearbeiter_innen der ÖH waren – wählten dann Artikelvorschläge aus und überlegten uns, was für Aspekte wir vielleicht noch drin haben wollten. Rückblickend ist dieser Prozess jener, der die inhaltliche Ausrichtung des Heftes am stärksten beeinflusste. Bis Juli 2015 hatte das progress auf 40 Seiten eine dreiseitige Coverstory, die drei Ressorts Bildung, Politik und Feuilleton sowie ein Dossier, in dem jeweils ein Thema ausgiebiger behandelt wurde. Während im Dossier meistens ein ziemlich allgemeines Oberthema gewählt wurde, ist die Coverstory natürlich ein konkreter Artikel, der (zumindest für progress-Verhältnisse) so richtig viel Platz bekommen hat – nicht immer die leichteste Aufgabe, sich hier für den richtigen Artikel zu entscheiden. Umso besser, dass uns bei der Themenwahl niemand reingeredet hat – weder unsere „Vorgesetzten“ (das Vorsitzteam der ÖH), noch eine Werbeabteilung (weil de facto inexistent – andere Geschichte!). Nach 2015 gab es durch die Einsparung von acht Seiten keine Coverstory mehr und die Ressorts waren nunmehr Wissenschaft, Bildung und Feuilleton (weil politisch ist ja eh alles), somit haben wir uns halt einen Artikel ausgesucht, der auf‘s Cover sollte – die Freiheit, ein spezielles Thema so richtig lang zu behandeln, gab es aber nicht mehr.

Die Änderung der Ressorts war eher ein Zugeständnis an die ÖH-Politik als eine wirkliche redaktionelle Entscheidung – aber auch davor war es bei manchen Artikeln relativ egal, ob sie im Feuilleton oder im Politikressort gelandet sind. Ich weiß auch nicht, ob der Fakt, dass ein Artikel in dem einen oder dem anderen Ressort stand, unsere Leser_innen so stark beeinflusst hat oder ob dieser ganze journalistische Einteilungsdrang eher dazu dient, Menschen in Redaktionen eine Beschäftigung zu geben. Bei größeren Zeitungen, die Ressortchef_innen haben, ist das alles vermutlich sinnvoller, aber auch nur bis zu einem gewissen Grad – warum sollte der Bericht über die Machenschaften der FIFA eigentlich nicht neben den Regionalligaergebnissen stehen? Wenn der Journalismus sich heute in einer Krise befindet, dann vielleicht auch deswegen, weil er zu sehr in diesen starren, linearen Strukturen denkt? Als ich noch reiner progress-Leser war, habe ich die Coverstory ein wenig gehasst, weil sie so außerhalb von allem stand – als Redakteur war es die Möglichkeit, zu sagen: „Hey, diese Geschichte über Homofeindlichkeit in Russland, über Schwarze Schauspieler_innen in Wien, über sexualisierte Gewalt an der Uni, über das Europabild der Generation Y, die finden wir besonders wichtig und wenn du nur einen Artikel liest, lies den.“

Nachdem wir einen Seitenspiegel erstellt haben – hierzu gehörten auch immer, Fotograf_innen bzw. Illustrator_innen zu den verschiedenen Artikeln auszuwählen – bekamen unsere Autor_innen und Kreativmenschen ihre Aufträge. Eine Zeit lang war ich überzeugt, dass Artikel besser werden, wenn ich in der Auftragsmail möglichst ausführlich beschriebe, was ich gerne von dem Text hätte. Mittlerweile glaube ich, dass ein guter Auftrag natürlich einen Unterschied macht – wie eine Geschichte letzten Endes umgesetzt wird, liegt aber vor allem an der Person, die sie schreibt. Einen großen Einfluss hat sicherlich auch die Motivation – was heißt, dass Selbstdarsteller_innen und andere Menschen, die unglaublich von ihrer eigenen Intelligenz und Herrlichkeit überzeugt sind, die schlechteren Texte schreiben (bzw. ganz oft ignorieren, dass wir nicht genau den Artikel wollten, den sie vorschlugen, sondern eine Abwandlung davon). Wie aus den Texten, die später in meiner Inbox landeten, dann fertige Artikel wurden, erzähle ich euch im zweiten Teil dieser Artikelreihe. Wenn es Themen gibt, die euch besonders interessieren: Zögert nicht, mir einen Kommentar zu hinterlassen!

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