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Der Kaffee

Als Naika sich einen Kaffee machte und die Krähe zusah.

Nakia stand in der Küche und warf einen Blick über ihre Schulter. Die Krähe saß auf dem Stuhl und beobachtete sie seelenruhig mit ihren tiefen, schwarzen Augen. So wie Krähen nun einmal schauen, wenn sie Menschen beobachten, die Kaffee machen. Genaugenommen saß die Krähe auch nicht auf dem Stuhl, wie ein Mensch auf dem Stuhl sitzen würde, sondern hockte auf der Lehne. Alles, was Nakia tat, schien sie sehr zu interessieren, denn bisher hatte sie noch nicht angefangen, sich gelangweilt das Gefieder zu putzen.

Sie schraubte die Kaffeekanne auf, fischte mit einer geschickten Bewegung das Sieb heraus, öffnete den Biomüllbehälter – ein unangenehmer Geruch einer etwas älteren Bananenschale stieg heraus – klopfte das nasse Kaffeepulver heraus und begann, sämtliche Teile zu waschen, füllte den unteren mit Wasser, füllte Kaffee ein, setzte die Maschine wieder zusammen, schraubte sie wieder zusammen, so fest es ging und setzte alles auf den Herd.

„Und deswegen sind wir jetzt reingekommen?“, fragte die Krähe, „Damit ich dir zusehen kann, wie du irgendwelche Kunststückchen mit einer Maschine machst?

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Die Leere

Als ich an eine dramatische Nacht im Januar 2006 dachte.

eine verschneite Landschaft, im Hintergrund bäumte. Das Bild ist unscharf, da aus dem Zug heraus fotografiert.

„Worauf wartest du eigentlich?“, fragt die Person, die ich einst Ruth nannte.
Ich weiß es nicht.
Aber ich will das nicht laut aussprechen, auch wenn es keinen Unterschied macht, weil sie jeden meiner Gedanken lesen kann, ohne sich auch nur anstrengen zu müssen.

Mit einem Male erscheint mir meine Wut unglaublich sinnlos. Belanglos all diese Möglichkeiten, Scherben zu produzieren. Der Raum ist still, und ich weiß nicht, ob ich das angenehm finde oder mich nach einem Störgeräusch sehne, das mich ablenkt. Als könnte ich die Leere des vollgestellten Raumes mit Musik und Geräusch füllen, als würde das auch nur irgendetwas ändern.

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Nicht Medusa

Als ich zur Salzsäule erstarrte

Regentropfen auf der Scheibe eines Zugfensters

Ich hebe den Baseballschläger, will mit ihm auf das Porzellan und Glas, das überall im Raum steht, einschlagen. Ich will Scherben sehen, ich will es klirren hören, will dass die Flüssigkeit herumspritzt. Und dann will ich nochmal auf die Scherben einschlagen, als gäbe es keine andere Tätigkeit auf der Welt, die sie mit Sinn erfüllt. Ich will den Baseballschläger als Stößel benutzen, um die Pozellansplittersplitter zu Staub zu zermahlen. Jeder Muskel meines Körpers ist gespannt, mein Herz pumpt Adrenalin in jede Zelle, ich hole zu dem ersten Schlag aus, aber ich verharre in der Bewegung.

Vielleicht ist das der falsche Ausdruck. Ich bewege mich ja gerade nicht mehr, sondern bin erstarrt, als wäre ich die berühmt-berüchtigte Salzsäule, von der ich immer noch nicht genau weiß, was sie sein soll.

„Ich bin nicht Medusa.“, sagt die Person, die ich einst Ruth nannte, mit trockener Stimme.

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Petrichor

Als ich den Geruch des Sommers vermisste

Autobahn, mit einer Brücke die drüber geht, außerdem Wald.

Einige der Gefäße, die in diesem Raum stehen, enthalten eine Flüssigkeit. Ich sehe das nicht, aber ich rieche es. Der Geruch ist merkwürdig bekannt, obwohl ich mich nicht erinnern kann, jemals eine Flüssigkeit gerochen zu haben, die so roch. Ich blicke von der mächtigen, prachtvoll verzierten Vase auf. Und sehe, dass die Person, die ich einst Ruth nannte, mir gegenübersteht und mir geradewegs in die Augen schaut. Ein bohrender, fordernder Blick, dem ich weder standhalten noch ausweichen kann.

Und mit einem Male denke ich wieder daran, wie Asphalt im Sommer riecht. Wie wie er in Sommernächten duftet. Ich glaube, das ist ein Geruch, den nur Großstädte kennen, oder in den Kleinstädten, Dörfern, „Ortschaften“, in denen ich sonst lebte, regnet es immer viel zu sehr, um überhaupt so einen Geruch entfalten zu können. Ein weiterer Eintrag auf meiner schier unendlich langen Liste mit den Dingen, die ich vermisse. Seit einigen Tagen denke ich immer wieder daran, dass der Winter im Grunde genommen das Gegenteil einer Jahreszeit ist. Wir harren aus, kollektiv, in der Hoffnung auf bessere Zeiten.

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Polüberfahrt

Als ich wieder einmal meinen Wintertraum träumte

Eiskristalle auf einer Glasscheibe, unscharf.

Und ich träume immer noch
Von der Durchquerung einer Winternacht
So wie dieses Jahr um diese Jahreszeit
Von der Überquerung der Polarkappen
Kurs gesetzt und volle Kraft
Gen Horizont
Immer noch träume ich von einem besseren Sommer
Kälte und Dunkelheit und knirschendes Eis tief unter mir
Mein Blick nur zum Morgengrauen
Der nicht kommen will, nicht kommen kann
Und ich träume immer noch.

Zerbrechlich

Als ich kein Ende fand.

„Und wieder bin ich versucht, noch ein Ende dranzuhängen, noch eine dramatischere Wendung als die vorige einzubauen. Wieder fällt mir nur dies ein: eine Atombombe zu zünden.“

Die Person, die ich einst Ruth nannte, grinst wieder. Die Erschrockenheit ist dennoch nicht auf ihrem Gesicht gewichen. Ich halte das, angesichts der gestaltswandlerischen Fähigkeiten, die diese Person besitzt – ich bin mir sicher über das, was ich gesehen habe – für bemerkenswert. Sie könnte sich das selbstgefälligste aller möglichen Gesichter geben, aber sie bleibt beim Abbild roher Emotion.

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Weekend Reading

Als ich ein paar Artikel (vor allem meine eigenen) verlinkte

Ein Schiff, auf dem drei Eisenbahnwaggons stehen, fährt über den Bodensee.

Es ist Freitagabend, ich will auch geistig Feierabend machen und bevor ich wieder einen … merkwürdigen Text fabriziere, verlinke ich euch lieber einige spannende Artikel, die ihr über das Wochenende lesen könnt. Oder halt am Samstagmorgen, so wie Menschen das am Samstagmorgen mit Wochenzeitungen machen. Zumindest höre ich das oft, seit ich bei einer Wochenzeitung arbeite, dass manche sich die ganze Woche darauf freuen, den Samstagmorgen mit Croissant, Kaffee und woxx zu zelebrieren.

Apropos woxx: Diese Woche durfte ich mal wieder das Editorial schreiben. Das ist bei uns zwar nichts soo besonderes, weil wir als gleichberechtigtes Kollektiv arbeiten und eigentlich immer die Person darf, die eine gute Idee hat, aber genau das macht die woxx zumindest in Luxemburg ziemlich besonders. Wenn ich von anderen, tagesaktuellen Medien höre, dass die Journalist*innen nach einem Jahr mal „testweise“ ein Editorial verfassen dürfen, stellen sich mir schon Fragen darüber, wessen Meinung als wichtig angesehen wird. Auf jeden Fall: Diese Woche habe ich über toxische Männlichkeit und mögliche Gegenmittel geschrieben; ein Thema, das mir schon länger am Herzen liegt: Zärtliche Männer, bitte!

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Der Spaßvogel

Als Nakia die Krähe zum Kaffeetrinken einlud

Nakia runzelte etwas übertrieben die Stirn. Dann konnte sie sich nicht zurückhalten und grinste breit.
„Du bist mir aber vielleicht ein … Spaßvogel.“, sagte sie, behutsam, wie um die kleinen Dunstwölkchen, die beim Sprechen aus ihrem Mund kamen, nicht zu zerstören. Sie grinste immer noch über das ganze Gesicht, einerseits wegen der Krähe, andererseits wegen ihres Wortspiels.

Die Krähe neigte den Kopf, als wäre sie verwundert. Nakia warf ihr nochmal eine halbe Erdnuss hin, die die Krähe aufpickte und schnell schluckte.
„Ein gutes Wortspiel, aber ich habe es schon sehr oft gehört, deswegen ist es nicht mehr so lustig für mich“, entschuldigte sich der Vogel.

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Am Grund

Als ich eine Einsicht hatte.

Ölgemälde. Ein stark vergrößerter Ausschnitt ist zu sehen, auf dem der Eingang einer Höhle zu erkennen ist.

„Aber dieser Brunnen ist überhaupt kein Brunnen!“
Die Stimme der Person, die ich einst Ruth nannte, klingt ungewohnt. Wüsste ich es nicht besser, würde ich ihr Panik unterstellen.
„Und wenn das hier nicht der Maschinenraum des Großen Seelenzeppelins ist? Warum sollte ich mir einbilden, in die Tiefe zu fahren, durch Wasser zu waten, um schlussendlich irgendwo zu landen, mit ich mehr als vertraut bin? Ich hätte diesen Ort doch gleich erkennen müssen!“
Meine Stimme hingegen zittert nicht mehr. Ich fühle mich sicher. Als wüsste ich, was ich tue.

Fun fact: Ich weiß so gut wie nie, was ich tue. Also, natürlich weiß ich in den meisten Fällen so halbwegs, was ich tun muss, um so zu wirken, als wüsste ich ungefähr, was ich tue. Ich glaube auch, dass es den allermeisten Leuten so geht. „Fake it till you make it“ halt. Das ist vermutlich die größte Erkenntnis des Erwachsenwerdens: Niemand weiß, wie die Dinge eigentlich gehen, alle tun nur so als ob und in Wirklichkeit ist alles nur Theater. Ein Grund, weshalb ich mich so weit wie möglich aus dem motorisierten Individualverkehr heraus halte.

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Die Klarheit

Als ich von einem wundervollen Getränk kosten wollte.

Ölgemälde. Abgeschnitten, ohne Kopf, sind zwei Figuren in antiker Kleidung zu erkennen. Sie stehen vor einer Küste, das Meer ist bewegt.

„Ich bin hier, damit du dich mit dir selbst auseinandersetzt. Das war immer schon der Grund, weshalb ich existierte.“
Ich schlucke. So fest, dass es schmerzt. Das ist eine erstaunlich deutliche und klare Antwort von der Person, die ich früher Ruth nannte. Normalerweise waren alle ihre Aussagen lediglich nebulöse Andeutungen, die kaum zu deuten waren. Und nun stehe ich hier, im Maschinenraum, im Brunnen – wo auch immer das hier wirklich sein mag – und erhalte Klarheit.

Das ist es, was ich mir wünsche, oder? Klarheit. Als könnte die in eine Flasche abgefüllt werden, wie hochprozentiger Schnaps, den ich dann Stamperl für Stamperl trinke und immer berauschter werde von der Gewissheit. Dabei ist die Analyse von dem, was damals passiert ist, ganz einfach. Denke ich immer wieder. Und analysiere mich selbst, frage mich, was ich hätte anders machen können. Und dann komme ich wieder drauf, dass doch nicht alles an mir lag – zumindest will ich das immer noch glauben. Es gibt einen Grund, warum ich manchmal mitten in der Nacht, in den unbekannten Stunden, in denen nie die Sonne scheint und die Dämmerung noch zu weit weg ist, aufwache und mich zurück in diesen Sommer wünsche.

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