Ohne Fackel

Als ich mich weiter in die Tiefe vorwagte

Ein Tunnel, spärlich beleuchtet, der Boden ist mit Wasser bedeckt.

Es ist still. Nur das unheimlich lauwarme Wasser macht Geräusche, als ich durchwate. Sonst ist nichts zu hören. Zu erwarten wäre natürlich, dass ich eine große Fackel entzünde mit einem theatralischen Wusch, wie es auf Hollywoodfilmen bekannt ist und von dem wir nicht wissen, ob es überhaupt realistisch ist, vielleicht ist es nur irgendein Soundeffekt, der immer und immer wieder verwendet wird. Aber ich habe keine Fackel, woher soll ich eine Fackel nehmen? Wie jeder moderne Mensch benutze ich die Taschenlampenfunktion meines Smartphone, wenn ich Licht brauche. Vorbei ist die düstere Zeit, in der die Menschheit darauf angewiesen war, mit dem fahlen Licht des umgedreht gehaltenen Displays ihre Umgebung zu erleuchten.

Ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, ich wüsste wieder nicht weiter. Natürlich weiß ich ganz genau, wohin dieser Schacht, dieser Abgrund, dieser Weg führt. Ich sehe Bilder von Schnee in Wien und denke sofort wieder daran, wie unglaublich grandios und gleichzeitig komplett normal es sich angefühlt hat, in der Straßenbahn ganz hinten im letzten Wagen zu sitzen und durch die verschneite Stadt zu fahren. Oder aus dem Lokal zu kommen und durch den Neuschnee zu fahren. Ich vermisse es, durch den Neuschnee in der Stadt zu laufen und mich zu fragen, ob ich nicht bessere Antworten hätte geben können.

Ich sitze drinnen, draußen fängt es an zu schneien und ich habe Zeit zum Nachdenken. Das ist schön, das mag ich am Winter, wenn ich drinnen sitzen kann und es draußen schneit und aber noch nicht dunkel ist. Oder den Weg vom Café zur Straßenbahn, da darf es auch ruhig etwas schneien. Der Schnee lenkt ab, der Schnee fragt nicht, wie es mir damit geht, dass ich mich schon ewig nicht mehr verliebt habe (Oh, habe ich das nicht gerade dem Rest der Welt vorgeworfen?). Allerdings wird er auch wieder zur Hälfte schmelzen und sich zur anderen Hälfte mit Hundekot, Reifenabrieb und den festeren Teilen von Autoabgasen zu einer grauen Masse verwandeln, die unsere Städte bis Mitte April nicht verlassen wird.

Keine Antworten.

Und ich spüre diesen Stich in der Gegend in meinem Bauch, in der sich ein riesiges Nervenbündel befindet und ein Kribbeln in meinen Handflächen, die schon seit ewig kribbeln. Ich vermisse es.

Was ich wirklich wollen würde, wäre das Unmögliche – und deswegen habe ich mich halt für eine der Möglichkeiten entschieden. Eine, die ihre ganz eigenen Herausforderungen hat, mit vielleicht einer flacheren Lernkurve, dafür aber umso mehr weißen Flecken auf der Landkarte. Ich vermisse die Straßenbahnen im Plural, die U-Bahn, die Kälte, die sich so anders anfühlt, die unglaubliche Hitze, die viel sengender ist als hier, wo ich nur auf den richtigen Hügel steigen und mich auf eine Orangenkiste stellen müsste, und ich würde das Meer sehen, das Gefühl, in der Masse verschwinden zu können.

Das Wasser ist immer noch lauwarm, aber ich spüre dennoch Gänsehaut an meinen Knöcheln, die sich über den ganzen Körper ausbreitet, und im Rücken dieses Stechen verursacht, das ich erst kenne, seit ich einmal einen Orangensaft in einer Pizzeria nicht vertragen hab und mit einer allergischen Reaktion ins Krankenhaus musste. Einen Moment lang glaube ich, unter Wasser, an der Wand, eine einzelne Schiene mit gelber Plastikummantelung zu sehen.

Photo: CC-BY-SA Shermozle

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