Dunkler

Als ich versuchte, mich wieder mit der Dunkelheit anzufreunden

Höhle, auf deren Grund blaues Wasser zu sehen ist.

Gefühlt wird es immer dunkler in dem Tunnel. Ich kann das rational überhaupt nicht erklären, denn ich bin unter der Erde, und es war von Anfang an stockfinster hier, das einzige Licht kommt von der Taschenlampenfunktion meines Telefons. Ich weigere mich immer noch, „Smartphone“ zu sagen, weil ich es für so ein merkwürdiges Wort halte. „Telefon“ bezeichnet allerdings auch nicht wirklich das, wofür ich das Gerät benutze – es fehlt also, wie so oft, eine gute Vokabel. Das Wasser ist immer noch lauwarm, worüber ich möglichst nicht nachzudenken versuche.

Ich vermisse den Balkon. Meinen Balkon, auch wenn ich nie wirklich einen Besitzanspruch hatte. Die Tür war in meinem Zimmer, andere Menschen mussten bei mir klopfen, wenn sie drauf wollten. Ich hatte einen Sitzsack und einen kleinen Tisch, für eine gemütlichere Sitzunterlage hat es nie gereicht. Ich saß oft darauf und telefoniere oder träumte in den Tag, in den Abend, in die Nacht hinein. Das wunderbare Gefühl, „draußen“ zu sein, ohne die eigenen vier Wände verlassen zu müssen. Hier gibt es einen Garten. Eigentlich besser, uneigentlich halt nicht so privat und halt kein Balkon.

Natürlich vermisse ich nicht den kleinen, engen, oft staubigen Balkon, auf dem nicht einmal eine einzige gemütliche Sitzgelegenheit stand. Ich vermisse das Gefühl, das ich damit verbinde. Die Abende, wenn ich mit speziellen Leuten darauf saß und wir rauchten und uns vorfreudig in die Augen schauten. Ich vermisse, darauf zu stehen und in den grauen Himmel zu schauen und mich ganz gut eingepackt zu fühlen in einem kleinen gemütlichen Schuhkarton, bestehend aus dem Innenhof, den Mauern der Häuser, die ihn bildeten, und eben den Wolken über der Stadt.

Vielleicht ist das Licht meines Smartphones – jetzt sage ich doch schon Smartphone – fahler geworden. Es kann unmöglich der Akku sein, ich habe das Gerät im Flugmodus, auch wenn ich nicht fliege, sondern hunderte Meter unter der Erde durch eine Höhle wate, und es war voll geladen. Ob die Lampe, die ja eigentlich ein Blitz sein sollte, irgendwann nicht mehr mitmacht? Ob ich bald in kompletter Dunkelheit stehen werde, ohne Orientierung, ohne Möglichkeit, spitze Felsen unter Wasser auszumachen?

Ich mache mir etwas vor. Hier gibt es keine spitzen Felsen. Ich müsste nur umdrehen und zum Fahrstuhl zurücklaufen, und ich wäre in wenigen Minuten wieder an der Oberfläche, könnte frische Luft atmen und dann zurück in den Große Seelenzeppelin, der immer auf mich wartet, geduldig und stumm. Der Boden ist glatt, weil dieser Schacht, dieser Tunnel, diese Röhre, gebohrt wurde, von einer gigantischen Maschine. Ich beschleunige meine Schritte. Ich habe zwar immer noch keine Ahnung, wo ich wirklich hinlaufe, was mein Ziel ist, aber ich möchte es erreichen.

Letzten Winter habe ich den Sommer unglaublich vermisst. Oder mir das eingeredet, denn was ich wirklich vermisste, war ein anderer Lebensstil, den ich nicht auf ewig so hätte aufrecht erhalten können. Ich hatte Angst vor diesem Winter, und teilweise sollte das bestätigt werden. Ich brauche unglaublich viel Schlaf, ich komme schlecht aus dem Bett, die Kälte und die Dunkelheit zerren an mir. Das war nicht immer so. Ich mochte die Dunkelheit. Wenn sie angeschlichen kam, fütterte ich sie mit kleinen Häppchen, kraulte sie und nannte sie meine alte Freundin. Das ist anders geworden. Eventuell will ich gar nicht wissen, wieso das jetzt so ist.

Dieser Winter ist nicht so schlimm. Ich habe mich an das Arbeiten gewöhnt, es macht mir Spaß. Durch die Wahlen ist der politische Kalender etwas durcheinandergeraten, so dass auch einfach weniger anfällt, alles wirkt etwas ruhiger. Außerdem habe ich gelernt, dass Eintopf kochen hilft. Je besser ich darin werde, Suppen zu kochen, umso weniger schlimm ist alles.

Ich versuche, die abnehmende Helligkeit – oder das, was ich dafür halte – an meiner Hand abzulesen. Solange ich meine Fingernägel vom Rest meiner Hand unterscheiden kann, ist es nicht dunkler geworden. Rede ich mir zumindest ein. Ich weiß nicht, ob das stimmt. Immer wieder halte ich die Lampe nach unten, ins Wasser. Ich erkenne nichts darin, höchstens meine eigenen, völlig durchnässten Schuhe. Es schwimmt nichts drin, es sind keine Kabel zu sehen, keine U-Bahnschienen, keine mit Briefen gefüllten Flaschen.

Der Tunnel macht eine Kurve.
Dahinter, bin ich sicher, blinkt ein Licht.

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