Ithaka

Als mir alles vertraut und dennoch so falsch erschien.

Blick von unten nach oben aus einem Betonschacht. Einige Meter über dem Blickpunkt ist eine sternenförmige Plattform.

Ich betrete die Kathedrale aus Beton. Das Surren, das ertönt, sobald der Raum – oder etwas in dem Raum – erkannt hat, dass ich mich in ihm aufhalte, wirkt keinesfalls bedrohlich. Die Lichter werden ebenfalls heller, als wolle mir ein System zu verstehen geben, dass ich hier zuhause bin. Noch erkenne ich keine Struktur, keine Geräte, mit denen ich kommunizieren könnte. Obwohl ich keine Ahnung habe, was das hier soll, fühlt sich alles vertraut an. Ich verstehe meine eigene Reaktion nicht – eigentlich müsste ich zittern, schreien, eine Gänsehaut haben oder zumindest müssten sich meine Nackenhaare aufstellen. Aber nichts dergleichen.

Der Raum fühlt sich merkwürdig, beinahe schon unheimlich vertraut an. Also eigentlich nicht unheimlich, sondern heimlich. Oder heimisch. Die Betonstrukturen bilden einen Halbkreis. Teilweise sind es lediglich Klötze, in denen Lichter eingesetzt sind, teilweise sind es Skulpturen, die meterhoch in die Höhle ragen, deren Decke ich nicht erkennen kann. Denn noch andere der Betonstrukturen scheinen Pfeiler zu seinen, oder dekorative Elemente, die sich verästeln, einander überkreuzen, sich gegenseitig stützen, ohne dass ich wirklich einen Sinn erkennen kann. Ich finde sie ästhetisch ansprechend. Eigentlich sollte mich das alles schwindelig machen. So viel weiß ich. Aber das tut es nicht.

Ich erinnere mich an einen anderen Balkon, auf dem ich in Wien an manchen Abenden saß. Der hatte eine gemütliche Sitzgelegenheit, auch wenn sie nicht sonderlich groß war. Ich erinnere mich, wie gut ich das fand, in diesem Sommer, dort zu sitzen und schwitzen. Ich glaube, dass auch dort ernste Gespräche geführt wurden, die letzten Endes doch zu nichts geführt haben. Ich erinnere mich an den Geruch des Stoffs, leicht muffig, von der Sonne ausgebleicht. Eigentlich sind das alles keine guten Erinnerungen. Ich könnte sie jetzt verklären, von einem wunderbaren Sommer schwafeln, aber im Endeffekt stimmt das nicht.

Es hat von Anfang an alles nicht gestimmt. Glaube ich jetzt zumindest, weil das einfacher zu glauben ist. Es schreibt sich zumindest einfacher als ein ausführliches Protokoll, was die beteiligten Personen meiner Meinung nach alles falsch gemacht haben. Am Ende stand ein Versprechen, das nie eingelöst wurde, was ich immer noch bedauere. Aber vielleicht auch nur, weil ich gerne ein Showdown gehabt hätte. Manchmal stelle ich mir vor, wir hätten beide magische Kräfte und würden uns zufällig begegnen und dann bekämpfen, mit Blitz und Donner. Das wäre einfach. Die Realität ist nie so einfach.

„May the bridges I burn light the way“ steht auf einer Streichholzschachtel, deren Foto auf tumblr kursierte. Wir könnten das einander wünschen, ohne jede Schuldzuweisung, oder mit vollem Schuldeingeständnis, was keinen Unterschied machen würde. Natürlich glaube ich, dass ich Recht habe, immerhin habe ich einen Monat lang jeden Tag unter der Dusche in Gedanken mit dir gestritten und habe dort immer Recht behalten. Aber was ich glaube, oder glauben will, hat nicht zwangsläufig etwas mit der Realität zu tun. Und dennoch wünschte ich, wir hätten die Versprechen eingehalten. Auch das aus reinem Egoismus.

Das Surren wird zu einem Summen. Und das Geräusch wird lauter. Ich frage mich für einen Moment lang, ob irgendwo hoch oben im Gewölbe ein Balkon, eine Galerie ist, auf dem ein Chor sitzt, der seit tausenden Jahren nur auf mich gewartet hat, um mich am Ende – oder zumindest an diesem Zwischenstopp – meiner Reise zu begrüßen. In der Mitte des Halbkreises sind Betonblöcke, die vertraut aussehen. Ihre Form ist nicht merkwürdig und fremd, sondern sie sehen aus wie Konsolen in einer Schaltzentrale, oder wie man sich solche Geräte vorstellt. Die graue Oberfläche ist dunkel, glatt und matt. Überall sind kleine Leuchten eingelassen, die ein pulsierendes Licht abgeben. Sie blinken nicht etwas chaotisch durcheinander, sondern sind alle im Takt. Als würde das Licht langsam ein- und ausatmen.

Foto: CC-BY Stephane Gaudry

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