#chat

Als ich darüber nachdachte, welche digitalen Kommunikationsformen mir mittlerweile fehlen

Foto eines alten Computers, auf dem ein IRC-Chat läuft. Die Schrift ist grün auf schwarzem Grund.

Ich bin der festen Überzeugung, dass Facebooks Messenger die beste Idee war, die das Netzwerk je hatte. Nicht, weil der Messenger technisch überzeugen würde oder irgendeine Funktion hätte, die ich in einem anderem Chat-Dienst vermissen würde, sondern für Facebook selbst halt. Das de facto-Telefonbuch des Internets mit einem Direktnachrichtendienst zu verbinden klingt im Nachhinein zwar sehr logisch, ist aber wohl für viele ein Grund, doch zähneknirschend auf der Plattform zu verbleiben – einfach um ohne große Umstände erreichbar zu sein.

Aber zum Anfang: Noch bevor ich dieses Blog anfing, nutzte ich genau einen einzigen Messenger: AIM. Der IM-Dienst von AOL, dem früheren Internetgedanken. Da gab es keine Gruppenchats oder sie waren nicht praktisch, also wurden andere Dienste genutzt. Chats waren damals technisch noch ein wenig aufwändiger und verlangen nach Java- oder Flash-Plugins, wenn sie im Browser stattfinden sollten. Ein Teil meiner Internetsozialisierung ist im samstäglichen Chat einer Harry Potter-Fanseite abgelaufen. Auf die Gefahr hin, wirklich alt zu klingen: Menschen haben sich tatsächlich zum Chatten verabredet. Ich glaube, wir haben dort vor allem absichtlich trashy Fanfiction geschrieben.

Irgendwann kam dann die wesentlich ältere Technik namens IRC in mein Leben. Ich glaube, weil ich an eine … Privatkopie eines Gameboyspiels wollte. Es gab viele größere und kleinere IRC-Server, in denen die Leute Kanäle anlegen konnten, mithilfe von Bots und Skripten für den „Standard“-Client mIRC gab‘s Zusatzfunktionen wie Würfeln oder halt die Möglichkeit, halbautomatisiert Downloads bei anderen Menschen anfragen zu können. Warum ich so monatelang mühsam eine Kopie des ersten Lord of the Rings-Films heruntergeladen habe, weiß ich auch nicht so genau. Vermutlich einfach, weil‘s halt ging. Auf jeden Fall blieb ich dann in dem Kanal, auch nachdem ich die Privatkopie dieses Gameboyspiels hatte und chattete halt mit den Leuten. Manche Chat-Websiten wie der luxemburgische Dienst „Luxusbuerg“ waren eigentlich IRC-Server, die halt auf ihrer Website ein Interface anboten. So verbrachte ich auch viele Stunden im dortigen „#flirt“-Kanal. Vor allem, weil alle anderen Kanäle eher spärlich besucht waren.

Nach – oder parallel dazu – AIM kammen ICQ und MSN. Einen Yahoo-Messenger gab es auch, da hatte ich auch einen Account, aber den nutzte ich nie. Mit dem offeneren Jabber-System wurde ich nie so wirklich warm, aber erreichbar war ich dennoch. Das war natürlich vor allem deswegen möglich, weil es Clients gab, die all diese Systeme unterstützten, zum Beispiel Trillian (heute ein eigener Messenger-Dienst, damals mit großartigem Design). Heute gibt es gefühlte tausende solcher Dienste, die alle Dinge können, von denen ich damals nicht zu Träumen gewagt hätte. Insofern sollte sich also bis auf den Namen des Dienstes wenig geändert haben. Und dennoch habe ich das Gefühl, dass mir eine bestimmte Komponente fehlt: Die Regelmäßigkeit und Verlässlichkeit.

Damals war einfach klar, dass ich mich abends einloggen würde und Leute mit mir chatten würden. Sowohl im IRC, als auch über die Messenger-Dienste. Nicht immer die gleichen, aber einige doch öfters. Im Nachhinein bewundere ich, wie viele erwachsene Menschen sich dem pubertierenden Joël angenommen und mir zugehört haben. Nun haben sich vielleicht meine Lebensumstände und Freund*innenkreise verändert, ich bin vielleicht „scheuer“ geworden und schreibe nicht mehr Leute einfach so an, weil ich quatschen will. Ich vermisse das allerdings. Vor allem dieses „im Channel hängen“ in der Gruppe. Ich habe einen Gruppenchat auf Facebook mit Freund*innen, den ich sehr mag, aber auch da fehlt die Regelmäßigkeit.

Vermutlich findet das heute, wenn es denn in der Form stattfindet – dadurch, dass sowieso immer alle online sind, gibt es keine ritualisierten Zeiten mehr, zu denen sich besonders viele Leute treffen – findet es auf Discord statt, das wohl aus gutem Grund (es wurde für die Gaming-Community entwickelt) stark an IRC erinnert, inklusive „#“ vor dem Channelnamen. Fazit: Schreibt mich einfach an. Oder wie die coolen Kids sagen: Sildet in meine DMs.

3 Kommentare “#chat

  1. Ich glaube ich bin einfach zu alt um nostalgische Gefühle für Chats zu haben. Aber vielleicht liegt es nur einfach daran, dass ich nie so der große Fan von Messengern war. So nutze ich z.B. heute außer Threema nichts der gleichen mehr.

  2. Obwohl ich auf vielen Plattformen und Messenger-Diensten ein Konto habe (was ich wohl eher mit einem nerdigen Spieltrieb denn dem Drang nach möglichst vielen virtuellen Kontakte begründen würde), habe ich nie regelmäßig Zeit mit Chatten verbracht.

    Falls doch, dann äußerte sich das meistens in Phasen, übere kürzere oder längere Zeit, während derer meine GesprächspartnerInnen Menschen waren, die ich auch im Real Life kenne. Vor einigen Jahren nutzte ich in der Tat dafür häufig den Facebook Messenger. Als ich mich Ende 2017 zeitweise von Facebook verabschiedet habe, indem ich alle Facebook Apps desinstallierte und Facebook’s Dienste nur noch im Browser nutzte, verlagerte ich meine Chat-Kommunikation widerwillig auf WhatsApp. Parallel nutze ich seither zwar auch Signal, allerdings gibt es in diesem Messenger-Dienst bisher nur eine Person, mit der ich gelegentlich chatte. Die allermeisten meiner Real Life Kontakte scheren sich scheinbar einen feuchten Kehricht um Datenschutz, sind einfach zu bequem um alternative digitale Wege einzuschlagen oder fürchten sich gegen den Strom zu schwimmen, so dass ich leider momentan auf WhatsApp angewiesen bin, wenn ich mit diesen Kontakten auch digital kommunizieren möchte. Von Facebook habe ich mich jedoch zum Jahreswechsel abgemeldet, da wohl die allermeisten meiner Facebook-Kontakte auch über WhatsApp zu erreichen sind, dank allseits erlaubtem Zugriff der Social Media Dienste auf die digitalen Adressbücher.

    Als Alternative zu Facebook-Gruppen hatte ich mich außerdem letztes Jahr in einen Discord-Channel sowie in 2 Gruppen auf Telegram angemeldet. Den Discord-Channel habe ich mittlerweile verlassen, da ich den dazugehörigen Podcast nicht mehr abonniert habe. In den beiden von einem Krautreporter zu bestimmten Themen eingerichteten Telegram-Gruppen ist es mittlerweile eher still geworden, doch die Mitgliedschaft macht für mich noch immer Sinn, auch hier würde ich von Phasen reden, während derer halt reger oder gelegentliches Posten stattfindet.

    Meine ersten Chat-Erfahrungen liegen 20 Jahre zurück und spielten sich während meines zweiten Studiums auf ICQ ab. Mit dem Eintritt ins Berufsleben verlor ich dann jedoch das Interesse an diesem Dienst. Einige Jahre später probierte ich dann den Jabber/XMPP-Dienst des Bildungsnetzwerks aus, leider ohne seither irgendeine KollegIn überzeugt haben zu können, diesen Dienst beruflich zu nutzen. Als ich später dem C3L beigetreten bin, legte ich mir auch ein privates Jabber-Konto an, das ich aber auch nur sehr sporadisch nutze. Am einfachsten erreicht man mich über Twitter oder über Email, wenn man nicht über meine Mobilfunknummer verfügt. Vor einiger Zeit fiel mein Interesse auch auf dezentrale Dienste, so dass ich mir mittlerweile auch eine Präsenz im Fediverse und im Matrix Ecosystem angelegt habe, ohne dass es in diesen Sphären jedoch bisher zum Chat mit irgendwelchen Followeren/Kontakten gekommen wäre.

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