Die Stimme

Als ich mich der Bedrohung von Innen stellte

Ausschnitt aus einem Gemälde. Es sind vor allem Wolken und am unteren Bildrand Berge sowie ein Federschmuck eines Helmes zu erkennen.

Sobald die Wörter meinen Mund verlassen haben, wird mir klar, was für eine banale Frage das war, die ich da gestellt habe. Das sollte jedoch niemanden überraschen, am allerwenigsten mich. Ich war noch nie sonderlich schlagfertig, und im Moment kann ich einfach nicht anders, als mich wundern, was das alles zu bedeuten hat. Wo bin ich? Tief unter der Erde, im Brunnen, in einer Kathedrale aus Beton, die aus mysteriösen Gründen hier angelegt wurde? Oder doch immer noch im Großen Seelenzeppelin, das über der stürmischen See stur seinen Kurs hält – und ich in seinem Maschinenraum, den ich nur selten betrete?

Egal, wo ich mich wirklich befinde: Die Person, der diese Stimme gehört, sollte nicht hier sein.

„Hast du dir nicht eben noch gewünscht, dich aussprechen zu können? Ein letztes Mal, ein für alle Male, das letzte Wortgefecht?“, sagt die Stimme, spöttisch, herausfordernd. Ich habe auf einen Schlag überall am Körper Gänsehaut. Hätte ich eine Waffe, würde ich sie jetzt effektvoll ziehen. Wäre dies ein Film, würde gezeigt, wie ich das Schwert effektvoll ziehe, das Lichtschwert würde in Zeitlupe ausfahren, das gefährliche Chrom einer Schusswaffe verheißungsvoll im Dämmerlicht der Betonkathedrale aufblitzen.

Ich aber bin unbewaffnet, ich trage nur mein Smartphone bei mir, das keinen Empfang hat und dessen Taschenlampenfunktion ich nicht mehr brauche. Ich könnte es genauso gut fallen lassen. Durch meinen Kopf schießen hingegen mindestens zehntausend Fragen, die ich alle nicht stellen kann, um meine grenzenlose Überraschung nicht noch weiter zu zeigen. Wenn dies der Maschinenraum meines Zeppelins ist, bin ich immer noch der Kapitän, dann gehorcht mit dieses Schiff immer noch, wenn ich einen Befehl auch nur denke.

„Du hast nichts hier zu suchen. Du wolltest diesen Ort nicht einmal sehen, als wir uns noch verstanden. Es gibt nichts zu reden. Wir wissen das beide.“

„Das hat sich eben noch ganz anders angehört.“

„Ich weiß. Aber ich komme nicht hierher, um irgendwelche Fantasien auszuleben, sondern um mein Inneres zu ergründen, um mir Klarheit zu verschaffen.“

Ich versuche, herauszufinden, woher ihre Stimme kommt. Währenddessen tippen meine Finger weiter auf der Konsole herum, als wäre ich ein Charakter in einer Science-Fiction-Serie und müsste ein Raumschiff durch möglichst hektisches Knöpfedrücken vor dem Untergang bewahren. Die Konsole summt beruhigend, als spüre sie, in welcher Verfassung ich mich befinde und wollte mich zurück auf den Boden der Tatsachen bringen. Auf dem Display, das erschienen ist, tanzen unbekannte Zeichenketten. Ich scheine dennoch instinktiv zu wissen, was ich vorhabe, was ich tun will – oder sogar muss, denn ich tippe weiterhin Kommandos.

Ich halte es nicht weiter aus und schreie. Die Luft, die meine Lungen verlässt, schießt mit derartiger Geschwindigkeit und Druck aus mir raus, dass meine Kehle brennt. Erst ist es kein Wort, nur ein Schrei. Dann, als mir beinahe die Luft ausgeht, als alles in mir spürt, dass ich demnächst wieder verstummen muss, schreie ich den Vornamen, den ich mit der Stimme verbinde.

Auf einen Schlag wird es – bis auf die Lichter meiner Konsole – dunkel in der Kathedrale. Und still; das Summen hat aufgehört.

„Nein. Das ist nicht mein Name.“

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *