Die Klarheit

Als ich von einem wundervollen Getränk kosten wollte.

Ölgemälde. Abgeschnitten, ohne Kopf, sind zwei Figuren in antiker Kleidung zu erkennen. Sie stehen vor einer Küste, das Meer ist bewegt.

„Ich bin hier, damit du dich mit dir selbst auseinandersetzt. Das war immer schon der Grund, weshalb ich existierte.“
Ich schlucke. So fest, dass es schmerzt. Das ist eine erstaunlich deutliche und klare Antwort von der Person, die ich früher Ruth nannte. Normalerweise waren alle ihre Aussagen lediglich nebulöse Andeutungen, die kaum zu deuten waren. Und nun stehe ich hier, im Maschinenraum, im Brunnen – wo auch immer das hier wirklich sein mag – und erhalte Klarheit.

Das ist es, was ich mir wünsche, oder? Klarheit. Als könnte die in eine Flasche abgefüllt werden, wie hochprozentiger Schnaps, den ich dann Stamperl für Stamperl trinke und immer berauschter werde von der Gewissheit. Dabei ist die Analyse von dem, was damals passiert ist, ganz einfach. Denke ich immer wieder. Und analysiere mich selbst, frage mich, was ich hätte anders machen können. Und dann komme ich wieder drauf, dass doch nicht alles an mir lag – zumindest will ich das immer noch glauben. Es gibt einen Grund, warum ich manchmal mitten in der Nacht, in den unbekannten Stunden, in denen nie die Sonne scheint und die Dämmerung noch zu weit weg ist, aufwache und mich zurück in diesen Sommer wünsche.

Mir wünsche, öfters Baden gegangen zu sein, die Momente voller ausgekostet zu haben, mich einen Tag früher getroffen zu haben. Wenn ich nachts in meinem Bett liege, mir kalt ist und ich an die Decke starre (In Wirklichkeit starre ich nie an die Decke, ich bin Brillenträger, ich starre immer ins dunkle Nichts) und krampfhaft versucht, die Chronologie nicht durchzugehen, fällt mir dann wieder ein, wer welche Stiche gesetzt hat. Am Boden der Flasche ist immer Bodensatz, egal wie klar die Flüssigkeit ist. Und immer, wenn ich ansetze, um einen Schluck zu trinken, lösen sich Flocken davon.

„Du weißt schon, dass ich deinen inneren Monolog hören kann?“
Wieder lächelt die Person, die ich einst Ruth nannte.
Ich antworte nicht, trotzig. Einen Sturkopf zu haben kann ein Vorteil sein. Ich denke an Ziegen und die Dinosaurierart, von der ich nicht weiß, ob sie eine Erfindung für Kinderbücher war oder nicht. Pachycephalosaurus. Ist mein Schädel dick genug?
„Nicht für mich.“
Die Stimme klingt viel kühler als bisher, beinahe bedrohlich.
„Ich weiß.“, sage ich und seufze, wie ich immer seufze, wenn ich mich geschlagen geben muss angesichts der tonnenschweren Last der Tatsachen, die mit einem Argument auf mich stürzt. „Du wärst nicht du, wenn du ihn nicht hören würdest. Deswegen bist du da. Deswegen bin ich hier.“
„Willst du jetzt die Metaphysik meiner Existenz diskutieren oder eine Antwort?“

Ich dachte eigentlich, meinen Frieden gemacht zu haben mit der Tatsache, dass ich niemals wirklich einen Schlussstrich ziehen werden können. Fast hätte ich geschrieben: „Nicht, bevor es nicht noch eine Aussprache gab.“ Aber was dann? Was sollte da geredet werden? Selbst wenn mein Gegenüber vor mir auf die Knie fallen würde und sagte, es sei alles nicht meine Schuld gewesen und sich entschuldigen würde – was würde es ändern?“

Die Person, die ich einst Ruth nannte, tritt aus dem Schatten. Sie stand die ganze Zeit im Schatten eines Betonpfeilers, nur wenige Meter von der Konsole, vor der ich stehe, entfernt. Der Anblick ist mir vertraut und gleichzeitig erkenne ich sie nicht wieder. Das Summen ertönt wieder, schwillt an, wird lauter als zuvor. Der Boden unter meinen Füßen wird weich, ich habe das Gefühl, im Matsch zu stecken. Hebe ich einen Fuß, er würde im Zusammenspiel mit dem Boden, auf dem ich stehe, ein schreckliches Schmatzgeräusch verursachen. Ich ekle mich davor, noch bevor ich es höre.

„Du weißt, dass dir am Ende dieser Texte nie etwas anderes übrig bleibt, als dich und deine Figur aufzulösen, eine Atombombe zu werfen, zu flüssigen Gold zu verfließen, dich in Rauch aufzulösen, mit dem Zeppelin davonzuschweben, das dich in letzter Sekunde gefangen hat, Mozarts Requiem abzuspielen – als Halbgott in die Kiste zu steigen und kein Finale stattfinden zu lassen?“

Diesmal lächele ich.
„Weißt du noch, die Nacht, als wir über Stil diskutierten?“
Die Person, die ich einst Ruth nannte, sieht mich verwundert an.
„Manchmal ist ein Brunnen nur ein Brunnen.“

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