Petrichor

Als ich den Geruch des Sommers vermisste

Autobahn, mit einer Brücke die drüber geht, außerdem Wald.

Einige der Gefäße, die in diesem Raum stehen, enthalten eine Flüssigkeit. Ich sehe das nicht, aber ich rieche es. Der Geruch ist merkwürdig bekannt, obwohl ich mich nicht erinnern kann, jemals eine Flüssigkeit gerochen zu haben, die so roch. Ich blicke von der mächtigen, prachtvoll verzierten Vase auf. Und sehe, dass die Person, die ich einst Ruth nannte, mir gegenübersteht und mir geradewegs in die Augen schaut. Ein bohrender, fordernder Blick, dem ich weder standhalten noch ausweichen kann.

Und mit einem Male denke ich wieder daran, wie Asphalt im Sommer riecht. Wie wie er in Sommernächten duftet. Ich glaube, das ist ein Geruch, den nur Großstädte kennen, oder in den Kleinstädten, Dörfern, „Ortschaften“, in denen ich sonst lebte, regnet es immer viel zu sehr, um überhaupt so einen Geruch entfalten zu können. Ein weiterer Eintrag auf meiner schier unendlich langen Liste mit den Dingen, die ich vermisse. Seit einigen Tagen denke ich immer wieder daran, dass der Winter im Grunde genommen das Gegenteil einer Jahreszeit ist. Wir harren aus, kollektiv, in der Hoffnung auf bessere Zeiten.

Vielleicht wird uns – ich meine explizit die gesamte Menschheit – am Ende nur noch die Meteorologie verbinden, wenn es längst zu spät ist und wir ohnehin ob des zu hohen Kohlenstoffdioxidgehaltes in der Luft keinen gescheiten Gedanken mehr fassen können. Immer, wenn ich Menschen über andere Leute reden höre und sie als ersten Satz sagen „Er ist voll klug“ oder ein sonstiges positives Urteil zur Intelligenz, frage ich mich, ob Menschen das wohl auch über mich sagen. Und ob mir das wichtig ist. Was möchte ich, dass andere über mich erzählen?

„Der schreibt voll viele Texte in sein Blog, die ich nicht verstehe.“ – immerhin ist das ehrlich.

Die Person, die ich einst Ruth nannte, zieht einen Baseballschläger aus ihrer Tasche. Ich weiß nicht, wie das physikalisch funktionieren soll, einen Baseballschläger in der Hosentasche stecken zu haben, aber ich weiß im Endeffekt überhaupt nicht, wie irgendetwas von all den Dingen hier funktioniert. Ich dachte mal, ich wüsste es, ich hätte den Durchblick, wäre intelligent. Oder hätte sogar Kontrolle über die Dinge, die mit mir und mit der Person passieren. In Wirklichkeit bin ein Spielball einer höheren Macht, die wir gemeinhin „das Unbewusste“ nennen.

Was dagegen spricht, dass Menschen mich anderen gegenüber anderen als klug vorstellen, ist der Fakt, dass ich jedes Mal googeln muss, ob es jetzt „das Unterbewusste“ oder „das Unbewusste“ heißt und ob da ein -sein dran gestellt wird oder nicht. Anscheinend habe ich mir nur gemerkt, dass es da einen falschen Begriff gibt, aber nicht, welcher es war. Ist das dann: Scheinbar klug sein?

„Halt. Das geht zu weit.“, sagt die Person, die ich einst Ruth nannte.
„Was? Dass ich verrate, dass dies hier so eine Art automatisches Schreiben ist? Dass ich am Anfang des Satzes keine Ahnung habe, wie ich ihn beenden werde? Das ist keine sehr große Erkenntnis, das merken alle Menschen, die einmal versucht haben, ein Gespräch mit mir zu führen.“, entgegne ich, natürlich mindestens halbironisch.

In meiner Hand befindet sich ebenfalls ein Baseballschläger.

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