Nicht Medusa

Als ich zur Salzsäule erstarrte

Regentropfen auf der Scheibe eines Zugfensters

Ich hebe den Baseballschläger, will mit ihm auf das Porzellan und Glas, das überall im Raum steht, einschlagen. Ich will Scherben sehen, ich will es klirren hören, will dass die Flüssigkeit herumspritzt. Und dann will ich nochmal auf die Scherben einschlagen, als gäbe es keine andere Tätigkeit auf der Welt, die sie mit Sinn erfüllt. Ich will den Baseballschläger als Stößel benutzen, um die Pozellansplittersplitter zu Staub zu zermahlen. Jeder Muskel meines Körpers ist gespannt, mein Herz pumpt Adrenalin in jede Zelle, ich hole zu dem ersten Schlag aus, aber ich verharre in der Bewegung.

Vielleicht ist das der falsche Ausdruck. Ich bewege mich ja gerade nicht mehr, sondern bin erstarrt, als wäre ich die berühmt-berüchtigte Salzsäule, von der ich immer noch nicht genau weiß, was sie sein soll.

„Ich bin nicht Medusa.“, sagt die Person, die ich einst Ruth nannte, mit trockener Stimme.

Noch immer riecht der Raum nach Sommer, aber diesmal mehr nach behandeltem Holz, das nass gereinigt und dann in der brennenden Nachmittagssonne getrocknet ist.
„Das war auch nicht Medusa mit der Salzsäule.“, entgegne ich, immer noch erstarrt, ohne genau zu wissen, ob ich es selbst bin, der meine Bewegung stoppt, oder ob es eine fremde Kraft ist, die mich den Schlag, den ich mir so sehr wünsche, nicht ausführen lässt.

Früher dachte ich, „your anger is a gift“ sei ein allgemein gültiger Satz. Aber Wut ist meistens nicht die richtige Antwort, wenn es auch oft die erste Reaktion ist. Obwohl das eine gute und wichtige Erkenntnis ist, trage ich weiterhin die gerechte Wut eines Teenagers auf die Welt in mir. Sie ist die Frucht, die erkennen lässt, wie falsch alles in dieser Welt ist. Jedes Mal, wenn ein viel zu großes Auto vorbeifährt, während ich auf den Bus warte, bestätigt sich dies wieder.

Ich weiß nicht, was damals genau passiert ist. Warum ich so wütend geworden bin. Also, natürlich weiß ich, was gesagt wurde, aber ich kann mir nicht erklären, wieso ich diesen Ausbruch hatte. Im Nachhinein ist das angsteinflößend, aber es ist nie wieder passiert. Und ich suche kaum noch in den „sozialen Netzwerken“ nach Streit. Your anger kann halt auch verdammtes Gift sein.

„Sagte ich ja.“
„Besserwisser*in.“
Ich schaue der Person in die Augen. Der Blick ist immer noch bohrend, und ich kann mich wieder nicht abwenden.
Ließe ich den Baseballschläger fallen, eine Vase zerbräche und meine Wut wäre geheilt.

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