Die Schwerelosigkeit

Als Alles Kopf stand.

Schneelandschaft mit Bäumen und Häusern, verschwommen weil aus dem Zug heraus fotografiert.

Der Raum dreht sich. Der Porzellanladen, wie ich ihn für mich genannt habe, in Ermangelung eines besseren Namens, steht auf dem Kopf. Ich falle nicht. Die Person, die ich einst Ruth nannte, fällt nicht. Die Vasen und anderen zerbrechlichen Gefäße fallen nicht. Nicht einmal die Flüssigkeit, die in manchen von ihnen steckt, tropft heraus. Aber ich spüre, dass der Raum sich einmal um 180 Grad gedreht hat, mein Vestibularapparat sendet das Signal an mein Hirn, dass wir uns auf dem Kopf befinden. Und ein wenig habe ich das Gefühl, dass mir das Blut aus den Füßen in den Kopf fließt, wo es sich unangenehm ansammelt.

Mein Baseballschläger schwebt schwerelos in der Mitte des Raumes. Ich muss ihn losgelassen haben, als ich dachte, ich würde fallen, als sich alles drehte. Ob die Person, die ich einst Ruth nannte, ihren noch hat, sehe ich nicht.

„Was war das?“
„Ich weiß es nicht.“
Die Person betont das „Ich“ in einer Art und Weise, die mir absolut unmissverständlich klar macht, dass ich es eigentlich wissen müsste, denn, so die Unterstellung, immerhin spielte sich das hier ja alles in meiner Vorstellung ab. Ich aber bin mir sicher, dass dies zumindest so etwas ähnliches wie die Realität ist und mein Gegenüber deswegen auch ein klein wenig Verantwortung dafür trägt, zu wissen, was zum Teufel hier eigentlich passiert.

Ich höre, weil eine Person etwas in der Art erwähnte, jene Musik, die ich hörte, als ich dieses Blog startete (und 14 Jahre alt war) und ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Aber ich wusste eigentlich noch nie, was ich von Dingen halten sollte. Ich frage nach jedem Film immer als erstes „Na?“, weil es viel angenehmer ist, zuerst eine fremde Meinung zu hören als mir selbst eine bilden zu müssen. Als Mensch, der sehr gerne und alles mögliche kritisiert, mag das paradox klingen, aber oft herrscht in mir eine sehr große Orientierungslosigkeit. Es ist so merkwürdig, wie viele Songs ich aus meinem aktiven Vokabular vergessen hatte, mir aber sofort wieder total bekannt sind, wenn ich nur die ersten Takte höre.

Außerdem unglaublich merkwürdig, wenn ich noch weiß, dass diese Musik mir früher etwas bedeutete – und heute nicht mehr. Vor ein paar Tagen durch das Durchsehen alter Fotos erschreckt festgestellt, dass meine Schreibtischkonfiguration sehr ähnlich jener ist, die ich in Wien hatte. Und dass sich das oft sehr gleich anfühlt, auch wenn es definitiv nicht gleich ist. Vielleicht ist das eine gute Sache. Keine Emulation, kein Nachahmen, sondern eine Anpassung an die Gegebenheiten, die mir letzten Endes gut tun, mit denen ich arbeiten kann. Aber auf dem Foto stand die Bürolampe auf der anderen Seite des Schreibtisches, was mich hochgradig verwirrt hat. Die muss doch dort stehen, wo sie jetzt auch steht?

Die Person, die ich einst Ruth nannte, hebt beide Hände.

„Ich weiß es wirklich nicht.“
Auch ihr Baseballschläger schwebt in der Mitte des Raumes.

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