Die Kakaonote

Als Naika der Krähe Kaffee servierte.

Eine Krähe auf einem Holzlattenzaun

„Wie trinkst du deinen Kaffee denn?“, fragte Naika.
Die Krähe legte ihren Kopf schief, und es wirkte so, als wäre sie sehr beleidigt.
„Ach, das war jetzt nicht unbedingt so offensichtlich.“, antwortete Naika dem schweigenden Vogel, „Auch wenn du das natürlich ganz anders siehst.“
Sie kraulte der Krähe wieder den Kopf, woraufhin diese genüsslich die Augen schloss. Naika rechnete damit, dass sie jeden Moment damit anfangen würde, zu schnurren, auch wenn das wirklich sehr merkwürdig gewesen wäre, für einen Vogel.

Sie holte zwei Tassen aus ihrem Schrank, einen großen Becher für sich und eine kleine Espressotasse für die Krähe. Sie füllte ihren Becher zu grob einem Drittel mit Hafermilch, ließ zwei Würfel Zucker in die Tasse fallen, die sogleich anfingen, sich mit der Hafermilch vollzusaugen. Den Kaffee goss sie zuerst in die Espressotasse, dann in ihre eigene, um ihren Gast nicht noch weiter zu verprellen.

„Pass auf, er ist sehr heiß.“, sagte sie, so freundlich es ging, um gleichzeitig die Krähe vor der Gefahr der Verbrennung zu warnen und andererseits nicht so zu klingen, als dachte sie, die Krähe hätte überhaupt keine Ahnung von der Menschenwelt oder davon, was Kaffee ist.

„Ich weiß, wie Kaffee funktioniert. Und genauso wie du es schaffst, heißen Kaffee zu trinken, ohne dich ernsthaft zu verbrennen, können Krähen das auch.“, sagte die Krähe und bestätigte Naikas Befürchtung.

„Das wirkt halt nicht so einfach mit einem Schnabel“, versuchte sie sich zu rechtfertigen. Die Krähe plusterte sich kurz auf, und Naika sah ihr an, dass sie etwas erwidern wollte, es dann aber doch sein ließ. Sie kostete stattdessen von dem Kaffee. Betont gekonnt nahm sie nur einen sehr kleinen Schluck, den sie noch im Schnabel kurz abkühlte, ehe sie ihn schluckte. Zumindest sah das Schauspiel für Naika so aus. Wenn sie ehrlich war, hatte sie noch nie genau hingeschaut, wenn Krähen getrunken hatten. Im Regelfall tranken Krähen halt auch keinen Kaffee, vor allem nicht in ihrer Küche.

Der Vogel wirkte so nah vor ihr noch größer und beeindruckender. Vielleicht lag es auch einfach nur daran, dass sie Krähen bisher nicht unbedingt in geschlossenen Räumen gesehen hatte, vielleicht hatte sie ein besonders beeindruckendes Exemplar vor sich. Sie setzte sich hin, gegenüber vom Vogel, der offenbar seinen Kaffee genoss. Und nahm – endlich, nach viel zu langer Zeit – den ersten Schluck ihres Kaffees.

Das Getränk war genau so, wie sie es mochte. Der Kaffee selbst war stark und schwarz, recht bitter, eine Kakaonote, die sie aber nur manchmal rausschmeckte. Die Hafermilch und der Zucker süßten das Ganze, was sie besonders so früh am Morgen brauchte. Auch wenn es vielleicht objektiv gesehen nicht ganz so früh war, wie Naika es wahrnahm.

„Der Kaffee ist gut.“, krächzte die Krähe, die etwas weniger heiser klang als noch vor wenigen Minuten. Vielleicht war sie auch gerade erst aufgestanden? „Aber wenn du das Pulver weniger fein mahlen würdest, würde die Kakaonote besser herauskommen.“

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