Der Marmeladenfleck

Als Naika die Botschaft nicht hören wollte

Foto einer Krähe vor weißem Hintergrund.

Naika nahm noch einen Schluck und antwortete nicht sofort. Sie war definitiv noch nicht wach genug, um mit der Krähe über den idealen Mahlgrad ihres Kaffees zu diskutieren. Vor allem verwendete sie eine billige, elektrische Mühle, die sie für 10 Euro online bestellt hatte. Sie war sich nicht sicher, ob es möglich war, den Mahlgrad damit großartig zu beeinflussen. Vor allem lenkte das alles davon ab, dass die Krähe höchstwahrscheinlich nicht zufällig da war.

Sie kreuzte die Arme auf dem Küchentisch, der ausnahmsweise einmal frei von Krümeln war. Mit ein wenig Glück würden sich danach auch keine Marmelade- oder Magarineflecken auf den Ärmeln ihres Kapuzenpullovers finden. Dann legte sie ihren Kopf in die Arme und seufzte laut, theatralisch. Sie machte so etwas vor allem für sich selbst, sie hätte diese Geste definitiv auch ohne Publikum vorgeführt. Sie mochte es, ihr Gefühlsleben in der Art zu verdeutlichen, sich selbst darin zu bestätigen, wie sie fühlte.

Sie seufzte noch einmal.

„Es ist viel zu früh hierfür.“, sagte sie. Keine besonders gute Einleitung. Vor allem nicht, wenn man es mit einer Krähe zu tun hatte.

„Wofür?“, fragte die Krähe, so unschuldig, wie ein sprechender Vogel nur fragen konnte.
„Ich nehme an, es gibt einen bestimmten Grund, weswegen du hier bist.“, sagte Naika. Sie gab sich Mühe, so verzweifelt wie möglich zu klingen. Die Kälte saß ihr immer noch in den Knochen, obwohl sie gar nicht so lange am Balkon gestanden hatte. Sie vergrub ihr Gesicht weiter in ihren Armen. Sie hatte keine Lust. Nicht jetzt. Nicht … so kurz nach dem Aufwachen. Vor allem hatte sie nicht das Gefühl, dass sie in der Lage war, irgendetwas, was die Krähe sagen würde, sich auch nur fünf Minuten lang merken zu können. Geschweige denn sinnvolle Zusammenhänge herstellen können.

„Natürlich bin ich aus einem bestimmten Grund hier. Besuch von Krähen ist äußerst selten komplett grundlos.“
Naika seufzte noch einmal, noch lauter. Sie blickte auf, ihr Kopf immer noch auf dem Tisch liegend. Die Krähe stand mittlerweile auf ihrem Küchentisch. Der Vogel machte ein paar Trippelschritte in ihre Richtung, legte den Kopf schief und sagte: „Miau.“
„Na los, spuck es aus! Wer hat dich zu mir geschickt? Und was sollst du mir sagen?“

Die Krähe krächzte. Und sagte dann noch einmal: „Miau.“

Naika musste grinsen.

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