Der Innenhof

Als ich über Innenhöfe nachdachte

Innenhof mit einer Birke und einer Lärche, im Hintergrund ein graues Haus, darüber der strahlende Himmel, weiß und blau.

Ich habe keinen eigenen Innenhof mehr, deswegen gibt es nur noch diesen einen, den ich manchmal besuche, der irgendwie auch „meiner“ ist, so irgendwie halt. Es gäbe auch noch das traurige Ding auf der Arbeit, aber da schaue ich nur rein, wenn die Tauben besonders laut sind. Und ich glaube, das ist mehr ein „Lichthof“ als ein Innenhof, auch wenn manchmal jemand da steht und sich auf Deutsch am Telefon unterhält und dabei immer klingt, als wäre er ein professioneller Anzugträger und würde sich Drogen bestellen.

Ich erinnere mich daran, wie mir einmal etwas vom Balkon gefallen ist, das wertvoll genug war, damit ich runter in den Innenhof, den ich eigentlich nie betrat, wanderte und es aufhob. Ich weiß nicht mehr, was es war – vielleicht ein Kleidungsstück, vielleicht auch nur eine Gabel? Ich war auf jeden Fall verwundert darüber, wie wenig hoch mein Balkon wirkte und wie verwildert alles von unten aussah, wie eine grüne Oase. Vom Balkon war diese Aussicht viel weniger hübsch, alles wirkte geordnet, gemäht und zurechtgemacht. Eine Lektion über Perspektive – und darüber, möglichst nichts vom Balkon fallen zu lassen, das wertvoll ist.

Dieser Innenhof, der nicht meiner ist, hat keine Balkone. Ich nehme ihn vor allem dann wahr, wenn ich durch ihn durch gehe, wenn wir Müllsäcke in die viel zu zahlreichen, aber stets vollen Mülleimer stopfen oder wenn ich mich aus dem Fenster lehne, um zu rauchen. Und im Sommer natürlich, wenn die Fenster offen stehen und sich der Innenhof und seine Bewohner*innen vor allem dadurch offenbaren, dass sie Geräusche machen und laut sind.

In meiner Erinnerung kommt es mir immer so vor, als wäre über dem Fenster, aus dem ich meistens herausschaue, noch viel Gebäude, als würde ich irgendwo in der Mitte einer gewaltigen Häuserschlucht den Kopf herausstrecken und könnte sowohl nach unten wie auch nach oben schauen. Dem ist nicht so. Auch erwarte ich immer, Möwen über den Dächern fliegen zu sehen, aber meistens sind es nur Tauben. Ich vermisse die Möwen meiner Straße, die stets im Winter über ihr kreisten und mir das Gefühl gaben, am Meer zu leben – auch wenn das natürlich nicht stimmte.

Vielleicht brauche ich auch kein Meer. Vielleicht reicht mir der unendlich weite Himmel, eingerahmt durch einen Häuserblock, auf den ich sehen kann, wenn ich den Kopf aus dem Fenster strecke. Vielleicht reicht es, sich die Tauben als Möwen vorzustellen, sich den Geruch des Salzwassers einzubilden, auf den Wind zu warten und das Fenster dann wieder zu schließen.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *