Der Termin

Als Naika etwas über sich erfuhr, das sie noch nicht wusste.

„Einfach nur ‚Miau‘ ist jetzt nicht unbedingt die Botschaft, die ich mir von einer Person erwartet hätte, die mir eine Krähe schickt. Noch dazu eine sprechende.“, sagte Naika, immer noch grinsend. Sie hatte sich mittlerweile wieder aufgerichtet und nahm noch einen Schluck Kaffee. Sie spürte die Wirkung des Getränks noch nicht. Sie war überhaupt kein Mensch, bei dem sich Koffein besonders manifestierte, wie etwa bei anderen, die Herzrasen bekamen oder zumindest ein Kribbeln verspürten. Sie wurde halt irgendwann wach, was hoffentlich auch ohne die Zufuhr von Koffein passieren würde.

„Das war auch nur ein Test. Um zu sehen, ob du auch wirklich wach genug bist, um zuzuhören.“, sagte die Krähe. Ihre Stimme klang weicher, noch weniger krächzend. Vielleicht machte Kaffee Krähen tatsächlich nicht nur wacher, sondern auch weniger heiser? Naika wusste nicht genug über Krähen, um sich darüber tatsächlich ein Urteil machen zu können. Vor allem wusste sie nicht genug über sprechende Krähen. Und noch viel weniger über sprechende Krähen mit einem merkwürdigen Sinn für Humor.

Alles, was sie in ihrem zugegebenermaßen immer noch zerknautschen Geisteszustand aus ihrer Erinnerung hervorkramen konnte, war: Krähen überbrachten meistens schlechte Nachrichten. Sprechende Exemplare waren eher selten. Ganz besonders solche, die ihre Intelligenz dazu nutzen, menschlichen Humor zu simulieren, statt große Schwärme anzuführen. Sie kannte niemanden, der mit einer Krähe zusammenlebte – und sie hatte noch nie mit einer gesprochen, auch wenn sie es selbstverständlich schon probiert hatte. Sonst hätte sie wohl auch keine Erdnüsse in Griffweite ihres Balkons liegen gehabt.

„Du hast bald Geburtstag.“, sagte die Krähe, in einem Tonfall, als sei damit alles gesagt und als habe sie das düsterste aller Omen überbracht. Wäre Naika ein Mensch gewesen, der sich grundsätzlich Sorgen um ihr Altern gemacht hätte, hätte das ja zutreffend sein können. Allerdings war ihr Geburtstag noch über ein halbes Jahr entfernt. Es war auch kein runder Geburtstag, der anstand.

„Äh, Nein?“, erwiderte sie dementsprechend verwirrt.

„Äh, doch!“, antwortete die Krähe, und äffte sie dabei nach.


Naika schaute den Vogel verwirrt an. Hatte sie doch länger geschlafen, als sie gedacht hatte? Ein halbes Jahr etwa? Sie wusste natürlich, dass die Jahreszeiten dann nicht passen würden, aber sie stellte sich dennoch ernsthafte Fragen über ihre Aufnahmefähigkeit und das, was sie über ihr Alter wusste.
„Willst du mir jetzt erzählen, du wüsstest besser, wann ich Geburtstag habe?“
„Ich weiß vielleicht von einem Geburtstag, an den du noch nicht gedacht hast.“, sagte die Krähe und klang dabei so, als würde sie über das ganze Gesicht grinsen.

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