Der Betrug

Als ich über alle möglichen Wirklichkeiten nachdachte

Foto von Tramschienen in Luxemburg

Ich habe das Gefühl, der Raum müsste sich bald wieder verändern, ich und die Person, die ich einst Ruth nannte, wir, wenn ich es denn wagen kann, von einem „wir“ zu sprechen, müssten jeden Moment wieder woanders stehen. Zurück in der Betonkathedrale oder dem Maschinenraum oder was ich halt dafür hielt, zum Beispiel. Mir kommt das so lange vor, so fern, dabei kann es sich nur um Stunden handeln. (In Wirklichkeit sind es etwas mehr als zwei Wochen, aber wen interessiert schon die Wirklichkeit?)

Das Gesicht meines Gegenübers kann ich überhaupt nicht mehr lesen. Das ist nicht ganz richtig: Ich kann das Gesicht der Person, die ich einst Ruth nannte, überhaupt nicht mehr sehen. Als sei es verpixelt, als habe sich an der Stelle ein Schleier über meine Augen gelegt. Alles andere ist scharf, wie die Welt sonst nur durch eine frisch geputzte Brille aussieht.
„Was passiert gerade?“, frage ich, als wäre mir nicht ganz klar, dass mein Gegenüber auch keine Antwort haben wird, weil in dieser Welt nie jemand gute Antworten hat. Alles, worauf ich hoffen kann, ist eine lustige Entgegnung, die mich für ein paar Sekunden über die Unerfahrbarkeit der Wirklichkeit hinwegtröstet.

Ich hatte heute ein Gespräch, bei dem ich mehr von mir preisgeben musste, als ich es eigentlich wollte. Oder es tat, als würde ich auf einem schmalen Grat balancieren und mich nach langem Abwägen endlich für den Sprung entscheiden. Einerseits war es gut, diese Gedanken endlich einmal auszusprechen, einer Person gegenüber, andererseits ging mein Punkt unter – glaube ich zumindest. Es ist schwer, sich über die gefühlt genommenen Möglichkeiten zu echauffieren, wenn eins das sogleich selbst wieder relativiert. Wir erfahren immer nur eine Realität, sind gefangen in der scheinbaren Linearität der Zeit, von der wir wissen, dass sie vermutlich nur eine Einbildung ist, und dennoch verwende ich sehr viel von dieser Linie, darüber nachzudenken, in welche Richtungen die anderen Linien laufen hätten können.

Das ist alles absurd, aber genauso absurd ist das, worüber ich mich beschwerte. Weil alles, was mir fehlte, ein kleines bisschen mehr Selbstverständlichkeit auf der einen und ein kleines bisschen weniger genau der gleichen Substanz auf der anderen Seite waren. Und sobald ich dies denke, ausspreche, schreibe, kontert sofort wieder eine Stimme in mir: „Aber magst du die Realität, wie sie jetzt ist, nicht? Was, wenn alles ganz anders gekommen wäre und du all die Menschen, die du jetzt kennst und magst, nicht kennengelernt hättest, wenn du andere Erfahrungen gemacht hättest?“

Und dennoch balle ich die metaphorische Faust in meiner metaphorischen Tasche und fühle mich betrogen um Möglichkeiten.

„Ich weiß es auch nicht.“, antwortet mir die Person, die ich einst Ruth nannte, als wäre diese Aussage eine Hilfe.

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