Die Zufallsbegegnung

Als die Entfernungen größer wurden.

Ich mache einen Schritt. Und noch einen. Langsam, mit Bedacht, vorsichtig, um nicht versehentlich auf eins der zerbrechlichen Gefäße zu treten, die ich vor wenigen Minuten noch zertrümmern wollte. Ich gehe auf die Person zu, die ich einst Ruth nannte. Genauer: Auf ihr wortwörtlich strahlendes Antlitz, zu den gleißenden Augen, die mich anziehen, obwohl sie mich verblenden. Ich weiß nicht einmal mehr, ob ich die Person noch als Person erkenne oder ob sie für mich nur noch das Licht ist, in das es mich – nunmehr vollständig Motte – zieht.

Ich denke an das schon Geschriebene und erkenne, wie ich unwillkürlich Muster eingebaut habe, wie die Stränge Parallelismen aufweisen, die ich nur deswegen für besonders schön und schlau halte, weil sie mir selbst nicht aufgefallen sind. Falls mich wer danach fragen würde, müsste ich natürlich so tun, als wüsste ich genau, worum es geht. Genau wie wenn Menschen mir winken und ich nicht checke, dass es für mich ist, weil ich einfach immer davon ausgehe, dass solche Sachen nie für mich sind. Und dann wirke ich so verwirrt, dass diese Menschen mich drei Mal fragen, ob alles okay ist. Die ehrliche Antwort ist halt einfach: „Ja, alles okay, ich kann halt nicht gut mit Zufallsbegegnungen umgehen, deswegen ist das jetzt alles sehr awkward.“

Vielleicht habe ich deswegen auch immer solche Angst vor eben so einer Zufallsbegegnung gehabt, jedes Mal beim U-Bahnfahren. So sehr, dass ich mich immer wieder frage, ob es in Wirklichkeit nicht ein heimlicher Wunsch wäre. Dabei gab es genau so eine Zufallsbegegnung, an einem Ort, an dem ich vorher nie war, in der letzten Reihe. Und statt irgendetwas sinnvolles zu tun, habe ich einfach nur über die Absurdität des Ganzen gelacht. Oder gekichert. Auch heute scheint es mir sonst keine gute Reaktion zu geben, dabei muss es doch andere Möglichkeiten gegeben haben. In einer Paralleldimension saß ich vielleicht einfach nicht in der letzten Reihe, oder bin selbst ein wenig zu spät gekommen oder hab‘s nicht geschafft oder hatte keine rosa Haare oder sonst irgendetwas ist schief gelaufen.

Mit jedem Schritt wird der Raum größer, die Distanz zwischen der Person, die ich einst Ruth nannte, und mir länger. Alles was ich will, ist ihr in die Augen sehen, die Galaxien erkennen, die sich in ihrer Iris verstecken. Und das Gefühl haben, zu Wissen. Gewissheit haben. Klarheit. Aber jeder Schritt vergrößert die Distanz zwischen uns nur, Meter für Dekameter.
„Wolltest du nicht etwas kaputtschlagen?“, fragt die Person mich. Ihr Stimme dröhnt, als sei sie 500 Meter groß. Jedes Gefühl für Proportionen ist mir verloren gegangen.
„WOLLTE ICH?“, brülle ich zurück.
Aber meine Stimme ist nicht mächtig und dröhnend, sie ist nur ein kleiner Furz in dem Porzellanladen, der nun eine Halle ist.

Foto von mir, Glitches vom Glitchbot.

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