Zehn Tage

Als Naika erfuhr, welchen Geburtstag sie bald feiern würde.

Eine Tasse Kaffee auf einem dunklen Holztisch

„An welchen meiner Geburtstage soll ich bitte nicht gedacht haben? Ich habe nur einen einzigen, ich kenne das Datum und weiß wann es ist. Mein Geburtstag ist noch weit weg.“, eröffnete Naika der Krähe und fühlte sich auf einmal viel selbstbewusster. Vielleicht war der Vogel zu der falschen Person gekommen, oder vielleicht hatte sich die Person, die sich geschickt hatte, einfach geirrt und Naika war gar nicht die Empfängerin einer schlechten Nachricht. Vielleicht konnte sie bald in Ruhe einen zweiten Kaffee trinken und würde nicht weiter über all das nachdenken müssen.

„Ach, Jahre. Keine sehr gute Methode, um Zeit zu messen, oder? Mal sind die Jahre kürzer, dann wieder länger, weil ihr euch verzählt habt und dann müsst ihr wieder eine Sekunde dran hängen, und so weiter. Es ist doch viel einfacher, die Tage zu zählen.“
Naika schaute die Krähe erstaunt an. Sie wusste nicht, dass Vögel besonders starke Meinungen zu Zeitrechnungen hatte. Und sie hatte auch noch nie davon gehört, dass es einfacher sein sollte, Tage zu zählen. Eigentlich hatte sie noch nie so wirklich darüber nachgedacht, weil Jahre waren halt Jahre. Nichts, was Menschen je geschaffen hatten, um Zeit zu messen, war wirklich exakt, also war es eigentlich so ziemlich egal, so lange die Sache halt halbwegs stimmte. Dachte Naika zumindest.

„In zehn Tagen wirst du zehntausend Tage alt sein.“, sagte die Krähe trocken.
Das kam Naika nicht unbekannt vor. Zehntausend Tage. Sie versuchte sich zu erinnern, woran sie sich vage erinnerte, aber sie kam nicht drauf. Zumindest nicht sofort. Würde sie ihre Gedanken schweifen lassen, der Hafermilch dabei zusehen, wie sich sich langsam mit dem Kaffee vermischt, duschen oder radfahren oder zu müde für jede andere Aktivität auf dem Bett liegen und die Decke anstarren, ihr würde sicher gleich einfallen, was sie meinte. Oder was sie dachte, dass sie meinen könnte. Naika hatte den Verdacht, dass es manchmal so etwas wie Phantomerinnerungen in ihrem Kopf gab – wenn sie einfach nur dachte, sie würde sich an etwas erinnern, obwohl sie in Wirklichkeit noch nie von so einer Sache gehört hatte.

Sie sah die Krähe fragend an.
Die Krähe antwortete ihren Blick nicht.
Naika nahm einen Schluck Kaffee.
Die Krähe nahm ebenfalls einen Schluck des Getränks, genauso schwarz wie ihr glänzendes Gefieder.
Naika versuchte, den Vogel nicht anzusehen und rührte in dem viel zu kleinen Rest Kaffee, der noch in ihrer Tasse war.

„Zehntausend Tage?“, fragte sie schlussendlich.
„Ja, zehntausend Tage.“, antworte die Krähe. Ungeduldig. Als müsse Naika ganz genau wissen, was die Bedeutung dieser Zahl war. Dabei war es halt auch nur irgendeine Zahl. Oder?
„Ich weiß nicht, was daran besonders sein soll.“, sagte Naika, aber mit einem so fragenden Unterton, dass sie der Krähe eigentlich Leid tun müsste.

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