Die Überrumpelung

Als die Person, die ich einst Ruth nannte, mir Tee anbot.

Eine filigrante Tasse mit orangem Muster und  Tee in der gleichen Farbe.

„Möchtest du Tee?“
Die Person, die ich einst Ruth nannte, sitzt auf einem sterilen Designermöbel. Sitzen ist das falsche Wort. „Lümmeln“ wäre vermutlich angebrachter. Diese Betrachtung hält mich davon ab, mich zu wundern. Der Porzellanladen, er ist verschwunden. Oder vielmehr: Wir sind aus dem Porzellanladen verschwunden. Alles steht wieder gerade herum, die Schwerkraft beträgt exakt 9,807 m/s² und alles wirkt ruhig, vertraut, nicht bedrohlich. Vor dem Designermöbel steht ein ähnlich abstraktes Beistelltischchen, auf dem eine Kanne Tee und zwei Tassen stehen. Das Getränk hat eine einladende, rötliche Farbe. Wie ein Sonnenuntergang nach einem anstrengenden Tag Nichtstun am Strand.

Meine Antwort überrascht mich selbst. Statt perplex zu sein antworte ich mit einem kraftvollen „Ja, bitte!“

Schon wieder P. Ich weiß nicht einmal, wie ich jetzt dahin kam, aber irgendwie passierte es. Ich muss an den Anfang denken. Wie überrumpelt ich war. Von allem. Und gleichzeitig fühlte es sich vertraut und innig an. Vielleicht fühlt sich der Anfang immer so an, vielleicht bin ich es, der macht, dass es sich so anfühlt? Wenn alle immer davon ausgehen, dass du ein bestimmtes Muster verfolgst, liegt das dann an ihren Erwartungen oder an deiner merkwürdigen Art des Humors, den du verwendest, um deine Unsicherheit in eben dieser dann doch immer wieder neuen Situation zu überspielen?

Gleichzeitig denke ich daran, wie ich noch weiter überrumpelt wurde und nicht mehr wußte, was denn jetzt eigentlich wessen Position war. Alles drehte sich, und ich verstehe immer noch nicht, was sich warum gedreht hat. Ich habe eine wilde Verschwörungstheorie, aber was bringt mir die? In den meisten Fällen ist die Wahrheit genau das, was die Menschen dir sagen, du ihnen aber nicht glauben magst. Die einzige Möglichkeit zum Glück ist die radikale Akzeptanz dieser Wahrheit – oder rauszufinden, dass vermutlich doch das Gegenteil wahr ist.

Ich wünschte, es gäbe eine weise mittelalte Figur, die sich hinsetzen würde, mir Tee einschenkte und mir den real talk geben würde.

„Weißt du, eigentlich ist die Sache ganz einfach“, sagt die Person, die ich einst Ruth nannte. Sie nimmt einen Schluck ihres goldenen Tees, der von meiner Position aus unglaublich köstlich aussieht, und redet dann weiter, als sei da nie eine Pause gewesen.
„Das Problem ist, dass ihr euch beide wütend gemacht habt. Und das ist eigentlich nicht so schlimm, denn das kann eins sich verzeihen. Aber ihr seid vor allem wütend auf euch selber. Und deswegen seid ihr wütend aufeinander.“
Ich nehme auch einen Schluck Tee.
Er schmeckt süßer, als ich erwartet hätte.

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