Antworten und Fragen

Als der Tee bitter wurde.

Teetasse, mit Bildfeldern, die einzelnen Farbschichten sind verschoben, so dass ein spannender Effekt entsteht.

„Das klingt viel zu einfach. Es muss doch komplizierter sein!“
Meine Stimme klingt erregter, als ich möchte dass sie klingt.

Ich war immer schon schlecht darin, meine Gefühle zu verstecken, mir ist immer alles ins Gesicht geschrieben. Was ironisch ist, denn im Alter von zehn Jahren hatte ich eine mysteriöse Krankheit, ausgelöst durch einen Zeckenbiss (oder auch nicht), die mit einer partiellen Gesichtslähmung einherging. Was dazu führte, dass ich in der Folgezeit große Probleme damit hatte, meine Mimik zu kontrollieren. Die logische Konsequenz davon sollte eigentlich ein resting irgendetwas face sein, nicht ein genaues Abbild all meiner Gefühlsregungen. Und dazu habe ich noch das Gefühl, überhaupt nicht richtig auf Dinge reagieren zu können. Vielleicht hätte ich doch Schauspieler werden sollen.

Die Person, die ich einst Ruth nannte, trinkt wieder von ihren Tee. Ihre Gesicht wirkt wieder normal. Oder: menschlich. Keine strahlenden goldenen Augen, keine engelsgleichen Züge, von denen ich mich nicht abwenden kann. Ein normales menschliches Gesicht, das normale menschliche Dinge wie Tee trinken tut. Ohne Orgelmusik im Hintergrund, ohne überflutende Räume, ohne merkwürdige Spielereien seitens der Schwerkraft. Ein ganz normales Beisammensitzen bei Tee, ohne Kuchen.

„Natürlich ist es so einfach. Warum wünschst du dir eine Person, die dir den verständlichen real talk gibt, wenn du dann erst Recht wieder alles in Frage stellst?“

Ich möchte nicht ständig an peinliche zwischenmenschliche Situationen denken, die mir in den letzten 30 Jahren passiert sind. Das ist dann doch ziemlich anstrengend, außerdem habe ich die leise Ahnung, dass das alles nur mehr werden mit mit der Zeit, und das ist schon mal überhaupt keine grandiose Vorstellung. Während ein Film über die Kunstwelt läuft, in denen Kunstwerke einige Personen eben jener Kunstwelt abschlachten, stelle ich mir philosophische Fragen, wie ich wohl den Tod von dieser oder jener Person verkraften würde.

„Aber das hieße ja, dass ich lediglich mein Problem mit mir selbst lösen müsste, um nicht mehr wütend auf mich selbst zu sein?“, antworte ich auf die Frage, die die Person, die ich einst Ruth nannte, nicht gestellt hat. Ich habe mir sie selbst gestellt, und mit einer Gegenfrage geantwortet. Es fällt schwer, die verschiedenen Gesprächsebenen sauber voneinander zu trennen. Mir kommt vor, als würde etwas meinen Blick trüben, als wäre die Luft im Raum kaum merklich eingedickt, eine gelatinöse, aber atembare Masse, durch die ich nicht gänzlich hindurchsehen kann.

Vielleicht? Vielleicht habe ich das längst, aber kann P. trotzdem nicht verzeihen, dass diese unbekannte Seite von mir aktiviert wurde? Vielleicht habe du überhaupt nichts (vor allem mich nicht) geändert und alles was passiert ist, ist Zeit und die richtigen Entscheidungen im richtigen Moment? Wenn du im Spätjuli an einem Nachmittag im Halbschatten auf dem Bett liegst und dich genau ein Sonnenstrahl trifft, während du die richtige Frage stellst und danach die richtige Antwort gibst – vielleicht ist es so einfach, so banal, dass es immer nur genau das exakt richtige Timing und etwas Biochemie ist? Was ist mit Nächten im September, in denen du keine einzige richtige Antwort auf all die falschen Fragen gibst und andere Personen noch mehr falsche Antworten auf all die falschen Fragen geben, weil sie dem, was du gesagt hast, glauben? Plus halt ein wenig Biochemie.

„Hör auf mit dir selbst zu reden. Du hast deine Antwort. Es ist einfach. Wenn Menschen konstant das schlechteste ineinander hervorrufen, sollten sie vielleicht nicht mehr miteinander an Mittagsbuffets sitzen.“
Der Tee – als die Person, die ich einst Ruth nannte, sprach, hatte ich einen weiteren Schluck genommen – schmeckt plötzlich viel bitterer.

Foto vom Glitchbot bearbeitet.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *