Der Pfirsich

Als ich an den See denken musste.

ein pfirsich, aus dem sehr viel saft rausläuft

Ausgerechnet ein Pfirsich.
Ich denke das nicht laut, aber das macht für die Person, die ich einst Ruth nannte, ja keinen Unterschied. Sie hört alles, was ich denke, sie kennt mich in- und auswendig, ich kann mich vor ihr nicht verstecken. Vielleicht will ich das auch nicht.

„Natürlich willst du das nicht.“ Sie beißt in den Pfirsich, der orangefarbene Saft läuft an ihren Mundwinkeln runter. Normalerweise würde mich so ein Anblick ekeln, weil wir darauf trainiert werden, dass Menschen, die mit Genuss essen und sich nicht um Tischmanieren scheren, uns unangenehm sein sollen. Aber ich fühle nichts von dem. Ich sehe nur diese unglaublich faszinierende Person, die mich mit einem einzigen Satz – und ich bin mir sicher, nur ein Wort würde genügen – aus meinem Gedankenzug reißt, mich ausweidet und nackt auf den Boden wirft, wo ich metaphorisch mein orangefarbenes Blut verblute.

„Sei doch nicht immer so melodramatisch.“

Ich aber möchte melodramatisch sein. Ich möchte an die Möglichkeit denken, die dieses Wochenende theoretisch da gewesen wäre, wenn die Dinge noch anders gewesen wären und ich weiß nicht einmal, ob ich das gut gefunden hätte. Ich möchte wieder am [Ortsname] stehen und der Wind zerzaust mir die Haare, weil immer Wind weht, und du machst ein Foto und ich verdrehe die Augen deswegen, weil das ist lustig, haha. Wenn der Wind aus der anderen Richtung gekommen wäre, wäre vielleicht alles anders gekommen. So bleibt mir nur die Erinnerung an ein kleines rotes Etwas, dessen Asche die Müllverbrennungsanlage in alle Himmelsrichtungen verstreut und so den Planeten gesegnet hat.

Für einen Moment finde ich die Vorstellung lustig. Zu viert in dem Zimmer, das eh groß genug dafür wäre, ein Wochenende lang. Vielleicht sogar mal wieder ein Gespräch haben, das nicht unterbrochen wird, das länger dauert als fünf Minuten oder drei Zeilen im Chat. Dann driften meine Gedanken in eine andere Richtung, wie schwerfällige dunkele Gewitterwolken, die es sich noch einmal anders überlegt haben und von dannen ziehen. Was sie enthalten, möchte ich nur andeuten, denn was bringt es, Unmöglichkeiten auszusprechen, die ich selbst vielleicht nicht einmal will? Ich habe Angst vor dem See, dieses Jahr.

„Du fürchtest du dich nicht vor dem See, du fürchtest dich vor deiner einsamen Schlaflosigkeit, vor der grenzenlosen Dunkelheit des Sternenhimmels und vor der Aussicht, wirklich einmal zehn Minuten an etwas anderes denken zu müssen.“, sagt die Person, die ich einst Ruth nannte und beißt noch einmal heftig und genüsslich in den Pfirsich.

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