Der Apfelwodka

Als ich mich beim Bloggen streamte.

Das ist alles überhaupt nicht verwirrend.
„Wer kommt überhaupt auf so eine Idee?“, fragt die Person, die ich einst Ruth nannte.
„Ich“, antworte ich, „weil es nie genug Möglichkeiten gibt, sich vor der ganzen Welt (okay, es schauen vielleicht zwei Leute zu und die Kamera-Einstellung ist sowieso nicht sehr vorteilhaft) lächerlich zu machen.“
Die Person, die ich einst Ruth nannte, schüttelt den Kopf, als sei das überhaupt nicht klar, als könne sie meine Gedanken nicht nachvollziehen, wie sie es sonst kann.

Wobei ich mir nicht sicher bin, ob sie wirklich meine Gedanken nachvollziehen kann, oder ob ich mir das nur einbilde. Weil es nett ist, sich so etwas einzubilden, sich zu denken, es gäbe eine Person, die mich komplett durchschaut, die nur ein Wort sagen muss, um mich komplett zu entwaffnen, und so weiter und so weiter. Ich streame also auf twitch, während ich diesen Text schreibe. Weil ich mich gestern über meine Prokrastination ärgerte und etwas im Stile von „Seht mir zu, während ich …“ schrieb, was eigentlich nicht wortwörtlich gemeint war, aber dazu führte, dass ich darüber nachdachte, dass es ja durchaus möglich sei, andere dabei zusehen zu lassen, wie eins selbst bloggt. Warum auch immer das interessant sein sollte, denn immerhin steht der Laptop knapp unter dem Schreibtisch, so dass die Perspektive außerordentlich merkwürdig ist und ich zusätzlich das unangenehme Gefühl habe, beobachtet zu werden.

„Vielleicht ist es eine Metapher dafür, wie beobachtet du dich sowieso beim Bloggen fühlst. Also nicht beim Schreiben an sich, aber bei der Tätigkeit des Bloggens im Sinne von deine-Gedanken-möglichst-wenig-verschlüsselt-an-die-Öffentlichkeit-stellen.“

Ich betrachte den Pfirsich in meiner Hand. Ich streichele seinen leichten Flaum, als wäre er ein menschlicher Körper, dem frische, weiche Haare gewachsen sind. Aber er ist ein Stück Obst, ein überaus reifes und süß duftendes Stück Obst, in das ich beißen will, das ich aufessen will, weil ich davon ausgehe, dass es die Frucht des Baums der Erkenntnis ist, nach der ich mich sehne, deren Saft ich kosten mag und von der ich glaube, dass ein einziger Bissen sämtliche Zweifel aus meinen von Zweifeln geplagtem Hirn verlassen wird. Ich will nicht mit der Person, die ich einst Ruth nannte, über den Sinn und Zweck dieser Übung diskutieren. Früher hätte ich gesagt, dass mein Leben vor allem daraus bestünde, sinnlose Dinge zu tun, zum Beispiel sei ich Vegetarier geworden, um einmal im Leben etwas komplett sinnloses zu tun. Das habe ich damals gerne behauptet, um sämtlichen Diskussionen aus dem Weg zu gehen. Bis mich einmal eine kluge, vegane Person darauf hinwies, dass mein Vegetarierdasein ihrer Ansicht nach wirklich sehr sinnlos sei — und ich mit all meinem ach-so-coolen Teenager-Zynismus ziemlich entwaffnet da stand.

(Wie oft habe ich mir schon in der Nase gebohrt oder mich irgendwo gekratzt, wo es peinlich ist? Mein ganzer Körper juckt und ich versuche krampfhaft, mich etwas gerader zu halten. Demnächst dann ein Stream, wie ich verzweifelt Situps mache!)

„Vielleicht ist es auch eine Metapher für den Klimawandel?“, versuche ich mein Gegenüber nachzuäffen. Ich betrachte weiterhin die Frucht und streichele langsam über sie.
„Du stellst deine Gedanken aus, als wären sie Objekte, die du nicht mehr haben willst und du würdest sie mit einem „zur freien Entnahme“-Schild ins Treppenhaus stellen.

Als ich damals am Mittelmeer aus dem Studiheim ausgezogen bin, habe ich mein restliches Couscous und andere Lebensmittel in die Gemeinschaftsküche gestellt und war entäuscht, als die Sache nach fünf Minuten noch nicht weg waren. Aber ich nehme dennoch an, dass irgendwer glücklich damit wurde. Den Alkohol habe ich merkwürdigerweise mit nach Hause genommen, wo meine Eltern sich darüber wunderten, warum ich denn Apfel-Wodka gekauft hatte. Der war halt im Angebot und irgendwie war ich damals noch nicht so weit, den Regenbogen-Wodka zu kaufen, der mich eigentlich mehr gereizt hätte. Überhaupt gibt es da wohl so einiges, was mir erst ein halbes Jahrzehnt später klar wurde. Aber wichtig ist vor allem der Apfel-Wodka, von dem ich nicht mehr so recht weiß, was aus ihm wurde.

Ich muss an M. denken, die mir merkwürdige E-Mails schrieb, weil sie mich irgendwie auf twitter und dann auf formspring gefunden hatte. Ich dachte mir die ganze Zeit, sie wäre eine von den Personen, die mir schreiben würde, weil sie mein Blog gut fand, aber daran lag es irgendwie nicht. Oder vielleicht. Wir haben uns getroffen, und als sie lachte, fand ich ihr Lachen merkwürdig und das, so dachte ich bis vor kurzem, war das Ende der Geschichte. Aber es war nicht das Ende der Geschichte. Irgendetwas ist passiert und M. hat nachgefragt. Und statt M. wirklich zu antworten, habe ich nur abgelehnt. In der Mail war ein Foto eines Zeppelins. Ich verstehe nicht mehr, warum ich so ablehnend war. Die Mailadresse existiert nicht mehr. Ich habe sonst keinen Kontakt. Ich weiß nichts mehr. Ich bereue diese Tatsache heute, aber vermutlich war es damals die richtige Entscheidung. Ich bin die Person, die mit der Fackel in der Hand alle heraustreibt, die sich zu tief in den Brunnen hineinwagen. Dies ist mein Schacht, dies ist meine Burg, dies ist mein innerstes, mein Refugium.

Ich habe Fragen über P. Wie viel sie über mich wusste, bevor wir Kontakt hatten. Ob und was sie mitlas. Einen wirren Moment lang hatte ich die Verschwörungstheorie, sie habe meinen Zustand ausgenutzt, nichts von mir wäre eine Überraschung für sie gewesen. Aber ich weiß nicht, warum sie das hätte tun sollen, warum das überhaupt eine Option hätte sein sollen. Ich weiß so vieles nicht, werde so vieles nie wissen, werde niemals erkennen.

Ich halte mich aktiv davon ab, meine Fingernägel im dem Pfirsich zu vergraben.
„Nein“, entgegne ich, „sie stehen im Schaufenster, nicht im Treppenhaus. Alle können sie anschauen, aber niemand kann sie berühren. Das ist so, weil ich es so bestimme, weil ich immer noch die Macht über den Text habe. „Tod des Autors“, entgegnet die Person, die ich einst Ruth nannte, ziemlich trocken. Sie entkräftet mein sinnloses Argument wie einst die schlaue Veganerin. Fast möchte ich vermuten, dass sie eine und dieselbe Person sind, aber ich weiß doch, dass dem nicht so ist.

„Müssen alle Autor*innen tot sein? Kann ich nicht zumindest ein wenig lebendig sein? Außerdem ging es ja mehr darum, wie ich mich fühle, wenn ich mein Innerstes nach Außen kehre und es online stelle. Was ich übrigens schon über mein halbes Leben lang tue. Eigentlich weiß ich ja, was das heißt.“
„Eigentlich. Aber uneigentlich hattest du nicht so oft so viele Menschen, die du mit deinen Texten verletzten könntest. Einfach nur, weil du sie erwähnst oder weil sie sich erwähnt fühlen könnten.“
„Das ist schon passiert. Das gehört dazu. Zumindest haben Texte den Vorteil, dass sie interpretierbar sind, dass du eine andere Auslegung fordern kannst.“
Ich würde mit den Schultern zucken, aber die Person, die ich einst Ruth nannte, weiß ganz genau, dass ich das gerne tun würde.

Die Frucht in meiner Hand ist immer noch nicht angebissen.

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