Die Endlagerung

Als ein Screenshot mich wach hält.

Eine Tasse Tee (er ist orange, es ist Tee mit Milch) in einer großen Tasse. Sie steht auf den Holzlatten, die den Boden des Balkons bilden. Daneben liegen drei gelbe, welke Birkenblätter.

Kurz bevor ich den Text poste, gehe ich alte Fotos durch, weil ich eins suche. Sie liegen alle in einem Ordner, in den sie automatisch hochgeladen werden, chronologisch geordnet. Aus irgendeinem Grund sind auch Screenshots darunter.

Ich klicke mich also durch all diese Fotos und als wäre es nicht hart genug, all diese Erinnerungen zu sehen, die zwischen belanglosen Screenshots, fruchtlosen Selfieversuchen und „Wie sieht meine Frisur von hinten aus“-Überprüfungsfotos liegen, ist da auch was anderes.

Es handelt sich um die radioaktiven Abfälle, die ich nur gelagert habe, um mir selbst weiterhin zu glauben. Ich kann natürlich nicht wegsehen, ich muss jeden Satz noch einmal ganz genau lesen, jedes Wort ein Stich in mein viel zu kleines Herz. Alle Gedankengänge so banal erklärt, als ginge es um die Wahl des Salates zum Mittagessen. Und ich, getroffen, taumelnd, in der Defensive, geschlagen, versuche eine Linie zu ziehen, die sofort wieder überschritten wird. Ich muss wegen irgendetwas mit irgendwem skypen, ich bringe das über die Bühne, ich weiß nicht, ob ich etwas sage, ob ich mir etwas anmerken lasse, ob ich nicht einfach resigniert bin. Mein Telefon vibriert weiterhin wütend, als hätte ich ihm etwas getan.

Ich bin dann dorthin gefahren, um irgendwelche Papiere zu überreichen. Ich hätte auch einfach darauf verzichten können, aber irgendwann gibt es keine Linien mehr, irgendwann gibt es nicht einmal mehr Sand, in dem eins Linien ziehen könnte, irgendwann ist alles egal.

Eine Mütze, unter denen ich die frischrasierten Haare nicht sehe. Ich wünschte, ich hätte auch eine Mütze und noch eine Kapuze und am besten eine weitere, noch größere, die ich mir alle tief ins Gesicht ziehen kann, damit mich niemand ansieht, damit ich die Welt nicht ansehen muss – ich weiß nicht, was von beidem mir ein größeres Bedürfnis ist. Der fassungslose Blick, als ich ehrlich sage, dass es mir nicht gut geht. Als wäre das nicht sonnenklar, als könnte das eine Überraschung sein, als gäbe es daran noch irgendetwas zu rütteln.

In meiner Erinnerung gehen wir durch einen Tunnel, eine Unterführung, irgendetwas in der Art, vielleicht ist es nur der Ausgang der U-Bahn-Station, ich kann mich nicht erinnern, ich erinnere mich nur an die Mütze und das daneben geschobene Fahrrad und an das Lied, das ich hörte, als ich wieder in der U-Bahn saß. Alles, was ich an dem Tag twitterte, war ein Screenshot über Ziegen aus der Zukunft und die Lyrics zu diesem Lied.

Ich muss am nächsten Tag früh aufstehen und bereite mir schon mal die Mokkakanne vor. Darauf klebe ich ein Post-It, auf dem ich mir selbst eine Botschaft schreibe: „Hab 1 guten Tag!“

Das Leben geht weiter. Einen Tag hab ich Ruhe, obwohl ich natürlich überhaupt keine Ruhe habe. Mein Ritual: Auf dem Balkon sitzen, süßen Tee trinken und vor lauter Nervosität und Unruhe rauchen. Ich schreibe: „Weltschmerz, als hättest du eine Wunde, an der die Welt bei jeder deiner Bewegungen kratzt“ und finde das sehr wahr.

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