Die Sedimentation

Als ich meine Verortung in Frage stellte.

Eine Liegewiese an einem Nebenarm, der als Badesee benutzt wird. Es ist kurz vor Sonnenuntergang, im Hintergrund sind Bäume zu sehen, davor - nicht wirklich zu erkennen - badewillige Menschen.

Ich möchte mich beschweren. Jetzt bin ich nicht mehr müde, weil Winter und Dunkelheit ist, sondern weil Sommer ist. Eigentlich möchte ich meine Zirbeldrüse umarmen und ihr zuflüstern, dass alles in Ordnung ist. Aber ich spüre nur das Blei, das sich in meinem Körper verteilt.

Ich bin immer noch hilflos angesichts dessen, was ich vor zwei Tagen vom Grund des Sees aufgewühlt habe. Es trübt immer noch meine Sicht, obwohl die Sedimente doch eigentlich schon längst zu Steinformationen meiner persönlichen Geologie geworden sein müssten. Ich möchte mit dem Finger über jede einzelne Schicht fahren, die Verwerfungen und Risse benennen und mir sicher sein, dass keine Fossilien darin eingeschlossen sind. Aber alles, was oben auf dem Grund liegt, ist immer noch Sand, in den sich Raubfische eingraben, stets auf leichte, unbedachte Beute aus.

Es bringt nichts, ich muss durchwaten. In Wirklichkeit war ich nie in der Kathedrale, habe Ithaka nie gesehen, war niemals in dem Maschinenraum oder dem Porzellanladen, habe nie in einen Pfirsich gebissen, in Wahrheit bin ich immer nur durch knöchelhohes, viel zu warmes Wasser gestapft und habe die dünne Schlammschicht am Grund aufgewühlt, bis die Flüssigkeit so trüb war, dass sie nicht einmal mehr als solche zu erkennen war. Vermutlich werde ich ewig so weiterirren, ohne je einen Ausweg zu finden, geschweige denn etwas sinnvolles zu sehen.

Ich möchte an etwas schönes zurückdenken. An den Balkon, auf dem wir schwitzend Karten spielten, an den muffigen Geruch des Sofas, an die Decke, die uns vor dem herannahendem Herbst schützte, an die schweigende Übereinkunft des ewigen Sommers, die immer Lüge sein muss. Aber untrennbar ist alles miteinander verknüpft, zu viel Schlamm und Sand und Detritus in dem Wasser. Ich wünschte, ich könnte untertauchen, das Wasser wäre viel tiefer als nur knöcheltief, ich fände eine Höhle am Grund, in der alles noch klar ist, vielleicht sprudelt aus einer geheimnisvollen Quelle neues, frisches Wasser, mit dem ich mir die Augen ausspülen kann.

Ich bin kein Geologe, ich kann nicht einmal besonders gut die Luft anhalten. Vielleicht legt sich der Sand von selbst wieder, vielleicht ist da kein Wasser, vielleicht bin ich nicht im Brunnenschacht, vielleicht beiße ich trotz alledem gerade in einen Pfirsich, vielleicht ist er nur zu süß, um nicht auch bitter zu schmecken.

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