Sitting (1)

Als Estragon nach einem Sitter fragte.

Ein buntes LSD-Löschblatt.

„Ich brauche einen Sitter am Freitag.“
Estragon sah mich mit müden Augen an. Die bedrohlich dunkeln Augenringe verstärkten den Eindruck, dass seine Iris das merkwürdigste Blau hatte, das ich je als Augenfarbe wahrgenommen hatte.
„Oder eine Sitterin.“

Ich grinste, weil Estragon sich Mühe gab, auch wenn er, so mein Eindruck, nicht unbedingt verstand, warum und wofür er sich Mühe geben sollte. Die beiden Eisseen inmitten seines bleichen Gesichts, das von einem struppigen Breitagebart, der nie wirklich seine Länge zu wechseln schien, starrten mich weiterhin erwartungsvoll an.

„Und wieso fragst du gerade mich?“, fragte ich, als hätte ich tatsächlich keine Ahnung, warum Estragon mir diese Frage stellen könnte. Was nicht ganz falsch war. Ich hatte über Drogen geschrieben, aber das bedeutet generell ja eher, dass eins cool sein will als dass eins wirklich viel Erfahrung mit einem Thema hat. Wir hatten zwei, drei Mal außerhalb eines professionellen Kontextes über das Thema geredet, in der Mittagspause oder beim Feierabendbier. Ich versuchte, meine Konsumexperimente so weit weg wie möglich von allen jenen Menschen zu halten, die das nichts anging. Es handelte sich immerhin um illegale Substanzen.

Und auch in den Fällen, in denen der Gebrauch nicht geregelt war: Ich wollte eigentlich nicht als verschroben, esoterisch und abgefahren gelten. Selbst, wenn ich mit diesen Adjektiven eher wenig am Hut hatte, so würde es mir doch sehr missfallen, so einen Ruf zu erhalten. Schlimm genug, dass eine Arbeitskollegin mich gegenüber Estragon als „merkwürdig, aber eigentlich ganz nett“ vorgestellt hatte. An seinen ersten Arbeitstag. Es geht doch nichts über einen guten ersten Eindruck.

Immerhin schien der nicht so schlimm gewesen sein, denn sonst hätte Estragon mir vermutlich nicht gerade die Frage gestellt, die er eben gestellt hatte. Oder er war genau wegen meiner „Merkwürdigkeit“ auf die Idee gekommen, dass ich ihn auf einem psychedelischen Trip begleiten könnte. Um keine Zweifel aufkommen zu lassen: Ich hatte diese Aufgabe schon übernommen, hatte Playlists vorbereitet, Orangensaft eingeflößt und für eine positive Stimmung gesorgt. Ich war nur ernsthaft verwundert, weswegen mein eigentlich recht schweigsamer Arbeitskollege mich danach fragte.

„Du … ich glaub du kennst dich mit der Thematik ganz gut aus. Und leider haben alle, die ich gefragt habe, am Freitag keine Zeit.“

Foto: CC-BY William Rafti

Leave a Reply

Your email address will not be published.