Sitting (3)

Als Estragon ungewohnt still war.

Eine Filter-Kaffeemaschine

„Vielen Dank. Das bedeutet mir mehr, als du dir vorstellen kannst.“
Nochmals dieser förmliche Tonfall, den Estragon nicht einmal in professionellen Gesprächen zu Tage brachte. Ich schaute ihm in die Augen, erblickte wieder den Hundeblick. Ich strengte mein Gesicht zu einem Lächeln an, nickte ihm zu und wandte mich wieder zu meinem Computerbildschirm. Eigentlich hätte ich noch mindestens zehn Fragen stellen sollen, aber ich hatte das Gefühl, dass das Estragon nicht unbedingt gefallen würde. Und nachdem es ihn offenbar schon einigen Mut gekostet hatte, mich überhaupt zu fragen, wollte ich ihn nicht noch weiter verschrecken.

So verging der Mittwochnachmittag. Estragon stellte mir ein, zwei Fragen, die mit der Arbeit zu tun hatten. Ich beantwortete sie, wie üblich, ohne von meinem Bildschirm wegzuschauen. Ihm fiel es vermutlich nicht auf, aber mir fiel es zunehmend schwer, mich auf die langen Tabellen, auf die ich starren musste, zu konzentrieren. Immer öfter öffnete ich das Browser-Fenster und scrollte über meine ansehnliche Ansammlung von offenen Tabs, die ich alle „irgendwann“ brauchen würde. Das redete ich mir natürlich ein. Nachdem ich eine Spalte zum dritten Mal überprüft hatte, weil es mir schwerfiel, mich auf die darin enthaltenen Zahlen zu konzentrieren, öffnete ich einen neuen Tab. „Sitting für Anfänger“ tippte ich, der Browser leitete mich sofort auf die Suche weiter, die mir auch gleich hilfreiche Ergebnisse anzeigte. Hilfreich wären sie auf jeden Fall gewesen, wenn ich Fitnesstipps oder Meditationshilfen gebraucht hätte. „Die 10 besten Bauchübungen – ohne Sit-ups“ und „Sitting in the Power — geführte Meditation“ las ich und schüttelte den Kopf.

Schnell tippte ich „drug-“ vor das Sitting und fand das, was ich gesucht hatte: Ein Wiki, das sich rein mit der Thematik Sitting beschäftigte. Ich hatte Erfahrung, aber bisher waren immer Menschen unter meiner Obhut gewesen, die ich gut gekannt hatte. Mit einer Person wie Estragon, die ich kaum einschätzen konnte, war das eine andere Sache. Aus irgendeinem Grund konnte ich mich viel besser auf den Text konzentrieren als auf meine Tabelle.

Den ganzen Donnerstag über redete Estragon nicht mehr, als nur unbedingt nötig war. Wir führten meistens keinen Smalltalk im Büro. Ich mochte das nicht, weil es mich von der Arbeit abhielt und ich ohnehin selbst gut genug darin war, mich abzulenken und gefühlte Stunden auf den Bildschirm zu starren, statt tatsächlich zu arbeiten. Allerdings war Estragon meistens anderer Meinung und verwickelte mich oft in Gespräche, die mein leicht ablenkbares Hirn natürlich gerne annahm, nur um dann nach einer Dreiviertelstunde auf die Uhr zu sehen und zu merken, dass ich eigentlich ganz andere Dinge hätte tun sollen. Insofern war es natürlich merkwürdig, dass er überhaupt nichts sagte. Er holte sich drei Mal Kaffee aus der Teeküche, und brauchte mir jedes Mal wortlos einen mit. Das wäre im Normalfall ein Anlass für eine zehnminütige Diskussion über die Notwendigkeit von Kaffee gewesen, schien ihn nun aber nicht zu inspirieren. Ich dankte ihm jedes Mal, aber er nickte mir nur wortlos zu.

Er sah noch müder aus als sonst.

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