Die Brandung

Als ein Monat und zehn Jahre vergangen waren.

Luftbildaufnahme von Wellen, die gegen Felsen schlagen

Jetzt dauert es bereits ungefähr einen Monat. Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen will, denn ich merke es ja doch nur, wenn ich alleine bin, wenn ich darüber nachdenke, wenn ich meine Gedanken nicht auf anderes lenke. Ich komme mir immer noch unglaublich lächerlich vor damit, ich möchte immer noch jede Menge Ausreden erfinden.
„Es ist auch ein Monat her, dass wir nicht mehr gesprochen haben.“

Es ist die Person, die wir einst Ruth nannten. Wir sitzen immer noch in diesem undefinierten Raum auf dicken Polstermöbeln, in die man tief sinkt, wenn man sich drauf setzt, immer noch stehen Pfirsiche vor uns, immer noch sehen sie reif und saftig und unglaublich süß aus. Die Person, die wir einst Ruth nannten, hält einen in der Hand. Sie spielt damit als wäre es ein Jonglierball, mit dem sie Tricks zwischen ihren Fingern vollführen kann, obwohl der Pfirsich doch eigentlich viel zu groß dafür ist.

Etwas ist anders.
Ich höre eine Welle gegen die Brandung schlagen, was ich mir einbilden muss, denn wir sind über dem offenen Meer, nicht an der Küste.
Eigentlich ist alles anders.
Noch eine Welle.
Nichts hat sich geändert.
Noch eine Welle.
Alles hat sich geändert.
Noch eine.

„Schau mir in die Augen, …“
Sie spricht meinen Namen aus, den ich nicht wiedergebe, weil ich die leise Hoffnung habe, dass dieser Text irgendwann nicht als die offensichtlich autobiographische Textwichserei gelesen wird, die sie klarerweise ist. Ich befolge ihre Verführung, ihren Rat, ihren Befehl – es fühlt sich nach all diesen Dingen an – und sehe, dass sich etwas geändert hat.
Ist es ihre Augenfarbe? Ist es die Form ihrer Pupille? Muss ich das erkennen? Kann ich es überhaupt erkennen? Ich bin mir nicht einmal sicher, ob es tatsächlich physikalisch möglich ist, in ihre echten Augen zu sehen oder ob ich immer nur eine Illusion sehe, eine billige Projektion der Realität, auf einer Großbildleinwand auf einem öffentlich Platz übertragen wie ein Fußballspiel oder Monarchenbegräbnis.

Durch irgendeinen algorithmischen Zufall muss ich wieder an denken. Wie merkwürdig, dass A² immer noch nicht aus meinem Kopf verschwunden ist. Ich möchte das eigentlich nicht. Es sind zehn Jahre vergangen seit diesem schrecklichen Februar.
„Vielleicht …“, denke ich in einem schwachen Moment, „ist es ja genau das, diese zehn Jahre?“
Zum Glück verwerfe ich den Gedanken gleich wieder, denn die Person, die wir einst Ruth nannten, schaut mich schon skeptisch an. Als könnte ich bald einen viel zu süßen, klebrigen Pfirsich an meiner Stirn spüren.
Zehn Jahre sind vergangen und ich habe nicht einmal einen Gedanken daran verschwendet, habe keinen großartigen Erinnerungstext geschrieben, habe ganz einfach nicht daran gedacht, weil ich so sehr mit anderen Initialen beschäftigt war.

Heute leugne ich das.
Ich leugne die Nacht
Ich leugne den Tag
Ich leugne alles und alle
Ich leugne geleugnet zu haben
Und leugne auch diesen Satz.

2190ahochzwei

„Es ist so schön, dass ich keine Initiale bin.“, meint die Person, die wir einst Ruth nannten.

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