Kein Raum

Als ich den Pfirsich ganz schlucken wollte.

Pfirsiche

„Warum ist alles so schwer?“
Ich seufze. Und seufze nochmal. Und wenn es mir nicht schon selbst peinlich wäre, ich seufzte auch noch ein drittes Mal.
Ich wüsste so gerne, warum ich alles so schwierig finde, warum mir jeder Atemzug so viel Kraft abverlangt, warum sich alles in mir sträubt, so bald ich nur an komplizierte Dinge denke. Und mit kompliziert meine ich: Morgens aufstehen.

„Könntest du auch mal ein wenig weniger jammern?“
Die Stimme gehört – wie immer – der Person, die wir einst Ruth nannten. Sie hat etwas im Mund, nämlich ein Stück Pfirsich.
„Hast du dich nicht eben noch gefreut, dass du keine Initiale bist? Dann könntest du mich auch ruhig ein wenig in Selbstmitleid versinken lassen.“, antworte ich, tödlich getroffen und verblutend und dementsprechend scharf.
„Aber das ist nicht, warum ich hier bin. Ich bin nicht dafür da, dein Selbstmitleid zu verstärken, sondern dafür, dass du dich immer wieder in Frage stellst und ehrlich zu dir selbst bist.“
Ich weiß nicht, was das heißen soll. Also, natürlich weiß ich es auf irgendeiner Ebene schön, aber ich möchte es nicht wissen. Ich möchte in meiner Ignoranz baden wie in einem Schaumbad mit einer duftenden Badebombe, die stundenlang schäumt und sprudelt. Ich möchte nichts davon wissen, ich möchte niemanden davon erzählen, ich möchte alles runterschlucken, den ganzen saftigen Pfirsich mitsamt des Kerns.

Es gibt keinen metaphorischen Raum mehr, alles ist Raum und nichts ist Metapher.

„Ach, in Wirklichkeit möchtest du, dass ich dir sage, wie unglaublich interessant deine seelischen Wunden dich nicht machen, und dass ich dich gerne tröstend an meine Brust nehmen würde. Aber das spielt es nicht. Nicht mehr.“
Die Stimme der Person, die wir einst Ruth nannten, ist kalt. Aber sie sagt die Wahrheit, so fern es so etwas wie eine wahre Heit überhaupt geben kann.

Der Pfirsich passt nicht ganz in meinen Mund.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *