Das Jubiläum

Als es wirklich der Tag war und ich es fast vergessen hätte.

EIn grüner Hügel, ein grauer Himmel, alles verschwommen und verwischt.

Als ich die Tür öffne, regnet es schon wieder. Gerade eben hatte ich noch in der Sonne gesessen, oder zumindest in dem Schatten neben der Sonne. Nun schüttete es auf den Beton, laut und nass (wie das Regen eben so an sich hat, es wird niemanden überraschen) und mein Weg wurde etwas länger, umständlicher, mühsamer.

„Ich dachte, wir könnten uns auch mal in einem nicht-metaphorischen Raum treffen.“

Die Person, die wir einst Ruth nannten. Sie sitzt in meinem Gartenschuppen, im Raucheck.
„Ich wusste nicht, dass du rauchst.“, antworte ich ihr, ohne eine Mine zu verziehen. Vermutlich ist mein Erstaunen so groß, dass die Passagier*innen eines zufällig vorbeifliegenden Flugzeugs es noch aus zehntausend Metern Höhe in meinem Gesicht ablesen können, aber ich fühle mich, als hätte ich das grandioseste aller Pokerfaces.

„Ich rauche eigentlich überhaupt nicht …“

Das trifft mich, ich versuche mein Gesicht nicht weiter entgleisen zu lassen. Es ist wie dieses alte Foto, wo der Zug schon vorne aus dem Bahnhof, zur Straße hin, wieder rauskommt. Bei der Person, die wir einst Ruth nannten, ist es ohnehin egal, wie ich aussehe. Sie kennt mich viel zu gut, aber ich versuche meistens, das zu ignorieren, weil es mich noch viel mehr aus dem Konzept bringt als ihre schiere Präsenz.

„Ich auch nicht.“
Ich zünde die Zigarette an, und muss ausnahmsweise einmal nicht husten, nachdem ich den ersten Zug genommen habe. So cool.

„13 Jahre also.“, sagt sie.
„13 Jahre. Auf den Tag genau. Oder halt irgendwann in der Nacht von gestern auf heute.“
Wir rauchen beide schweigend. Ich weiß ganz genau, dass das für die Person, die wir einst Ruth nannten, nur ein Spiel ist. Sie weiß ganz genau, was sie sagen will, mit welchen scharfen Worten sie mich ausweiden könnte, wenn sie nur wollte. Ich sitze auf meinem Stuhl wie eine Maus vor einer Schlange oder zumindest wie ein Mensch vor einem jederzeit explodierend könnenden Atomkraftwerk und merke, wie unbequem eben jene Sitzunterlage auf einmal wirkt.

„Cool.“, sagt die Person, die wir einst Ruth nannten.
„Für manche ist das ein halbes Leben.“, sage ich und meine jede Silbe. 13 Jahre fühlen sich an wie ein halbes Leben, auch wenn es nicht mehr stimmt, schon länger nicht mehr. Sie zieht an ihrer Zigarette, stößt den Rauch aus, der mir dicker, fester, geformter erscheint als mein Dunst, kaum ein Nebel in dem großen Ganzen der irdischen Atmosphäre.
„Du weißt, wie glücklich du dich schätzen kannst, so wie das alles gelaufen ist? Und ich meine wirklich alles damit.“
Ich schweige.
Strecke meine Beine, meine Zehen, meine Arme, alle Finger bis auf zwei.
Am liebsten würde ich auch noch meine Brille putzen, bevor ich antworte.
Ich seufze.
„Ja.“

„Sehr gut.“
Die Person, die wir einst Ruth nannten, drückt ihre Zigarette im Aschenbecher aus.

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