Sitting (4)

Als Estragon mir die Tür öffnete.

Ein Briefkasten mit vielen Klingeln

(Teil 1, Teil 2, Teil 3.)

Ich brauchte eine Zeit lang, bevor ich realisierte, dass ich Estragons Nachnamen nicht auf den vielen Klingeln seines Wohngebäudes fand. Ich überprüfte die Messengernachricht, in der er mir seine Adresse geschickt hatte. Ein prüfender Blick auf das Nummernschild verriet mir, dass ich vor dem richtigen Haus stand. Eigentlich hätte Estragon mich auch gleich von der Arbeit aus mitnehmen können, aber er war etwas früher aufgebrochen. Sein müdes Gesicht hatte gegrinst und er gesagt, er müsse noch etwas erledigen.

Ich war also an der richtigen Adresse. Oder zumindest an der, die Estragon mir angegeben hatte. Ich hatte natürlich keine Ahnung, ob er sich nicht bei der eigenen Adresse vertippt hatte, aber ich schloss es trotzdem erst einmal aus, weil ich ihn doch nicht so chaotisch einschätzte. Wobei der Zweifel in mir ja eigentlich schon für sich sprach. Ich suchte in meinem Handy nach seiner Telefonnummer, die ich natürlich nicht gleich fand. Warum speicherte ich mir Leute nie ins Handy ein und musste stattdessen immer umständlich in den PDF-Kopien irgendwelcher Exceltabellen nach Nummern suchen?

Einmal hatte ich mir von einer Arbeitskollegin die Nummer einer anderen Kollegin schicken lassen, um sie nicht umständlich suchen zu müssen – nur um nach dem Eintippen feszustellen, dass sie aus irgendeinem unerfindlichen Grund eingespeichert war. Endlich fand ich Estragons Nummer, die einzuspeichern ich jetzt aber keinen Nerv hatte. Es klingelte. Ich hatte als Kind lange gebraucht, bis ich die Magie hinter Sprüchen wie „Ich hab es drei Mal klingeln lassen und dann eingehangen“ verstanden hatte. Warum sollte das Tuten im Telefon auch etwas mit dem Klingeln auf der anderen Seite zu tun haben? Hoffentlich war Estragon überhaupt schon zu Hause.

„Ja?“
„Hallo Estragon, ich bin‘s. Ich find deine Klingel nicht. Nummer 52 ist richtig, oder?“
„Ja ja. Ach, ist das Klingelschild wieder runtergefallen? Es fällt immer runter, und dann steht der Name vom Vormieter da.“
„Wie hieß der denn?“
„Wer?“
„Dein Vormieter?“
„Woher soll ich das wissen?“
„Estragon, …“
„Hey, hör mir zu. Du klingelst einfach bei der zweiten Klingel von oben und ich mach dir auf. Ich steh direkt vor dem Türsummer. Drück nicht zu fest, sonst erschrecke ich!“
Ich machte einen Halbschritt an das Klingelschild und drückte die zweite Klingel von oben. So fest es ging. Sollte Estragon sich ruhig kurz erschrecken. Ich hörte allerdings kein Klingeln durch die Telefonleitung.
„Äh, Estragon?“
„Das andere oben. Also unten. Also, die zweite Klingel von unten.“
Ich seufzte und klingelte, diesmal bei der richtigen Person. Estragon betätigte sogleich den Summer, und ich drückte die Tür auf.

Als ich in das Haus eintrat, bellte in der Ferne irgendwo ein Hund.

Foto: CC-BY-SA Frank C. Müller

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