Der letzte Sommertag

Als ich fürchtete, dass es nun wirklich so weit war

Im Radio sagen sie, dass heute der letzte Sommertag sei. Dann spielen sie Bright Eyes – First Day of my Life und meine low key-Traurigkeit fühlt sich realer an als die Kaffeetasse, an der ich mich festhalte, obwohl ich am Tisch sitze und sie drauf steht. Gestern haben wir noch darüber diskutiert, ob dieser Meldung wirklich Glauben zu schenken ist, da sie seit Wochen gefühlt ständig kommt, aber heute, an diesem Abend, glaube ich fest, dass sie stimmt, dass sie stimmen muss.

Es ist der letzte Sommertag und ich sitze am Küchentisch und fühle mich traurig, weil ein Lied spielt, das ich in meiner Jugend gehört habe. Damals hätte man Schmerzensmännermusik dazu gehört, heute finde ich, dass das ein Begriff ist, der eigentlich toxische Männlichkeiten pusht. Ich sollte durch den Wald laufen und über Felder stolpern und die Sonne genießen, denn nun folgt ein langer, dunkler Winter, ich spüre es schon in den Knochen.

Statt all diesen Dingen sitze ich vor allem herum, zum größten Teil immerhin in der Sonne. Ich rede und trinke Kaffee und esse, was andere kochen und rauche und sitze und lache, bis mein Hals schmerzt und ich trotzdem noch weiterlachen will. Ich telefoniere und gehe einkaufen und denke darüber nach, wie ich den Tag noch „genießen“ könnte, aber mir fällt nichts ein, außerdem muss ich ja auch mal was kochen.

Das Gefühl in meinen Knochen stellt sich im Laufe des Tages als riesiger Pickel auf meinem Rücken heraus. So weit unten hatte ich noch keinen und ich wünschte, ich könnte ihn ausdrücken und mit dem Eiter, der herausfließt, alles Leid der Welt ertränken.

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