Die Initialenvergessenheit

Als ich über das Kribbeln meiner Handflächen nachdachte.

Wir reden über Verliebtsein, und es wird Erstaunen geäußert über die niedrige Zahl, die ich nenne. Ich weiß nicht, ob ich recht habe, es fühlt sich so an. Als Chronist meiner eigenen Befindlichkeiten vermute ich, dass ich wohl nicht so falsch liegen kann, aber ich kann mich auch nicht so ganz erinnern, ich kann die kribbelnden Handflächen ja nicht einmal heute von dem bösen, großen D-Wort unterscheiden, wie sollte ich das damals? Wie soll ich das rückblickend noch können?

Der Bus steht morgens ewig im Stau, es regnet unentwegt. Mein Hals kratzt ein wenig. Es ist nicht schlimm, aber unangenehm. Ich höre keine Musik, wie damals im April oder März oder einem andern dieser Monate, die mir viel zu weit weg erscheinen, als dass ich mein Ich von damals noch ernst nehmen könnte. Die Luftfeuchtigkeit, die Temperatur, die Farbe des Himmels – eins der exakt zehntausenddreihundertvierundfünfzig verschiedenen Graus, die über Luxemburg schweben können – möglicherweise war alles genauso wie an diesem Tag, aber es fällt mir erst am Abend auf.

Ich denke an die vielen Initialen, die ich ins Internet geschrieben habe. Ich kann mich bei den meisten nicht einmal mehr an die dazugehörigen Vornamen erinnern, geschweige denn an die Geschichten. So viele verlorene Kontakte, so viele ungebrochene Herzen, weil ich über das Anschmachten nicht hinaus kam (was wohl für alle Beteiligten besser war). Oft habe ich den Eindruck, im Vorteil zu sein, weil ich alles aufgeschrieben habe – aber meine Chroniken sind so kryptisch, so verworren, dass ich sie selbst kaum mehr verstehe.

Später hat der Regen aufgehört. Wir sitzen im Garten und flüstern uns Geheimnisse zu. Und ich vermisse den Vollmond.

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