Die Luftreibung

Als ich reglos zwischen den Grashalmen stand.

Fast kommt mir der Name, mit dem wir diese Person früher bedacht haben, über die Lippen. Aber die Person, die wir einst Ruth nannten, hat keinen Namen mehr – oder keinen, den ich aussprechen oder auch nur schreiben könnte. Ich sage nicht, während meine Mund halb geöffnet bleibt. Kalte Luft strömt hinein, mein Rachen wird alleine davon kratzig. Ich sehe niemanden, ich kann nicht einmal wirklich ausmachen, woher die Stimme gekommen ist. Die hohen Grashalme, zwischen denen ich stehe, wiegen sanft im Wind.

Eigentlich wollte ich an dem kulturellen Phänomen teilnehmen, dem gigantischen Stau, von dem alle seit Tagen reden. Aber er fand nicht statt, zumindest nicht, als mein Bus dort stand, wo er stattfinden sollte. Wie alles in diesem Land ist sogar der Stau enttäuschender als das, was die Legendenbildung so erzählt. Der Regen hält an, und ich habe das dumpfe Gefühl, dass es überhaupt nicht mehr aufhören wird, bis die Stadt und das Land weggeschwemmt werden und irgendwann die Insel bilden, von der sich alle einbilden, dass es sie ist.

Ich bleibe zu lange wach, weil mein Zeitmanagement nicht gut ist, und mein Zeitmanagement ist nicht gut, weil ich zu müde bin, alles zu spät anfange und dann keinen Meter vorankomme. Auf dem Übergang zwischen Nase und Stirn, wo eigentlich die Brille auflegen soll, sprießen Pickel. Und der Bart ist auch schon wieder an den falschen Stellen zu lange. Würde ich zur richtigen Zeit schlafen gehen, wäre mein Zeitmanagement nicht so schlecht, und ich könnte mich eher darum kümmern. Aber vielleicht mag ich mich nicht kümmern. Vielleicht mag ich einfach nur rumliegen, bis es zu spät ist, um noch etwas anderes zu tun.

„Was machst du hier?“, fragt die Stimme, immer noch körperlos. Wie damals, in der Betonkathedrale, als ich Ruth einen Moment lang für P. hielt. Ich sehe ihr Gesicht vor mir, wie sie breit grinst, während ich mich daran erinnere und mich frage, warum ich so verzweifelt eine Ähnlichkeit zwischen ihr und P. suche. Oder zwischen Menschen, die ich zufällig auf der Straße sehe und P.

Ich würde gerne so etwas wie „Das weißt du ganz genau.“ antworten und meine Kapuze, die ich nicht habe, tiefer ins Gesicht ziehen. Aber ich kann es nicht. Der nutz- und sternlose Nachthimmel drückt sich zu sehr auf mein Gemüt und die Kälte hat meine Mundhöhle wund gerieben.

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