Das Gedankenkabinett

Als ich über das Aufschreiben nachdachte.

Ich möchte jeden meiner Gedanken festnageln. Vermutlich ist es schon zu spät, um eine genaue und richtige Rückbetrachtung des Jahres zu bewerkstelligen. Andererseits sollte das in einem Jahr, in dem ich quasi jeden meiner guten Gedanken ins Internet schrieb, auch nicht allzu schwer sein – ich kann also noch ein paar Tage damit warten. Das kommt auch dem Gefühl zu Gute, das ich immer habe, wenn ich Jahressrückblicke sehe, die meiner Meinung nach viel zu früh kommen und sich dennoch anmaßen, das Jahr Revue passieren zu lassen.

Festnageln trifft es auch nicht ganz. Vielmehr möchte ich ein unendlich langes Regal besitzen, in dem ich jeden Gedanken eingelegt in einem Glas aufbewahren kann, um sie zur richtigen Zeit herauszunehmen und zu betrachten. Ich möchte mein eigenes Wörterbuch schreiben, einen unendlichen Zettelkasten anlegen, alles dokumentieren, was mich bewegt. Selbst, wenn ich jeden Tag blogge, kann ich nur einen Bruchteil dessen aufschreiben, was ich aufschreiben wollen würde – vor allem dann, wenn ich den Anspruch erhebe, dabei auch noch irgendwie künstlerisch tätig zu sein.

Natürlich ist die Idee, alles zu dokumentieren, zu behalten, zu katalogisieren und zu verschlagworten nur das: eine Idee. Sie ist unmöglich, sie kann nur unmöglich sein, denn durch den Prozess des Dokumentierens würden neue Gedanken entstehen, die ihrerseits wieder katalogisiert werden müssten. So bleibt nur der fromme Wunsch und die Aufgabe, auf einer großen Fahne im Hochkant-Format aufgeschrieben und vor mich gehalten, doch die wirklich wichtigen Dinge aufzuschreiben.

(Der Name „Gedankenkabinett“ stammt aus dem wunderbaren Spiel Disco Elysium, in dem ein eben solches Teil des Gameplays ist)

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