Der 2019-Filmrückblick

Als ich versuchte, mich an alle gesehenen Filme zu erinnern.

Gar nicht so leicht, sich zu merken, welche Filme eins alles in einem bestimmten Jahr gesehen hat. Also, natürlich wäre es leichter, wenn eins jeden Tag bloggen würde und das zum Anlass nähme, jeweils kurz eine Rezension zu schreiben, aber so etwas mache ich ja nicht. Ich habe mir jetzt relativ lang angesehen, was alles so „großes“ 2019 herausgekommen ist. Um dann festzustellen, dass vieles, was ich heuer gesehen habe, in den USA schon Ende 2018 in den Kinos war. Ganz schön verwirrend. Anschließend stellt sich natürlich die Frage, ob ich da jetzt eine Hitliste draus mache oder zu jedem Film kurz etwas schreibe?

Bei jenen, die ich im Rahmen des LuxFilmFests gesehen habe, ist das nicht nötig, die habe ich nämlich immer gleich reviewt:
Pájaros de Verano war auf dem Festival mein Liebling, ich schrieb damals

Die Szenen, die traditionelles Leben, Feste und Gebräuche der Wayuu darstellen, wirken sehr authentisch – vermutlich, weil hier auch Laienschauspieler*innen mitgewirkt haben. Auch deshalb überzeugt der Film durch seine zum Teil sehr poetische Bildsprache.

Tchelovek kotorij udivil vseh (The Man Who Surprised Everyone) hat mich eher entäuscht, obwohl ich das Thema durchaus spannend fand. Ich fand die Idee, dass der*die Protagonist*in nach der Wandlung kein Wort mehr spricht, einfach sehr unpassend.

Die Interpretation des Endes lassen die Regisseur*innen offen, wie sie auch bei der Vorstellung am 8. März dem Publikum erklärten. Sollte Yegor tatsächlich nur deswegen in Kleid und Make-Up schlüpfen, um dem Tod zu entrinnen, so hinterließe dies doch einen bitteren Beigeschmack  – immerhin ist der Fakt, die eigene Identität auszuleben, für viele lebensgefährlich, insbesondere in Russland. Allerdings lässt die Szene, in der Yegor von der Dorfgemeinschaft aufgefordert wird, aus dem Schuppen zu kommen (in den Englischen Untertiteln mit „Yegor, come out!“ besonders offensichtlich), eine andere Interpretation zu.

Ghosthunter, ein Film über einen tatsächlichen Geisterjäger, der jedoch mehr seiner eigenen Vergangenheit als Geistern hinterherjagt, hat mich nicht so ganz überzeugt, ich fand ihn aber dennoch sehenswert.

Die absurde Ausgangssituation des Geisterjägers entwickelt sich zum ausführlichen Porträt eines Menschen, der von sehr realen „Geistern“ gejagt wird und nicht weiß, wie er damit umgehen soll. Darin liegt die Stärke der Dokumentation, denn sie wirft wichtige Frage über den Umgang mit Familiengeschichte und den eigenen Taten auf.

Anthropocene: The Human Epoch fand ich als Doku ja eher so mau. Vielleicht liegt es daran, dass ich schon viel zum Thema weiß, vielleicht an der teilweise beliebigen Auswahl der Bilder, vermutlich aber auch an der pseudobombastischen Kameraführung.

Die Bildsprache der Dokumentation ist in den meisten Fällen gewaltig und Ehrfurcht gebietend, allerdings ist dies nicht konsequent durchgezogen. Alles in allem ist „Anthropocene: The Human Epoch“ eine gute Möglichkeit, sich erstmals mit dem Konzept des Anthropozäns zu beschäftigen. Allerdings sollte dabei klar sein, dass die vermittelten Bilder lediglich Ausschnitte sind und nur einige Aspekte des globalen Wandels – zum Beispiel die unglaubliche Produktion von Hühnerknochen – behandelt.

Das war es auch schon fast mit meinen „professionellen“ Kinokritiken für dieses Jahr. The Beast in the Jungle habe ich leider wirklich nicht gut gefunden, obwohl es nach der Premiere Häppchen gab. So viel zur These beeinflussbarer Journalist*innen.

Dies als moderne Interpretation der James-Novelle zu sehen, griffe allerdings zu kurz – vor allem, da die heterosexuelle Paarbeziehung und die Rollenverteilung innerhalb dieser niemals in Frage gestellt werden. Die größte Schwäche des Films, der ästhetisch durchaus ansprechend ist, ist seine Länge. Als Kurzfilm hätte das Konzept sicherlich funktionieren können, auf Spielfilmlänge ist es für alle, die nicht großes Interesse an zeitgenössischem Tanz haben, schlichtweg ermüdend.

Beautiful Boy habe ich trotz 2018-Release ziemlich sicher heuer gesehen, und fand ihn sehr gut. Meiner Meinung nach sollte der Preis für den*die beste*n Nebenschauspieler*in an das Haus gehen: so wunderschön. Eventuell bin ich ein klein wenig biased, weil ich Timothée Chalamet natürlich auch gerne leidend sehe.

Widows ist ein ungewöhnlicher Heist-Movie, weil der Heist von Frauen durchgeführt wird. Das ist schade, weil das Genre macht mir oft ziemlich viel Spaß und das sollte kein Alleinstellungsmerkmal sein. Der Film hat mich sehr gut unterhalten und ist auf jeden Fall sehenswert.

If Beale Street Could Talk zeigt sehr gut, wie struktureller Rassismus funktioniert und wie Menschen innerhalb solcher Systeme versuchen, zu überleben. Sehr empfehlenswert.

Booksmart ist eine wunderbare Teenie-Komödie, die zwei nerdige Mädchen in ihrer letzten Nacht in der High School zeigt. Wer im Normalfall nichts mit Partyfilmen anfangen kann, wird hier dennoch auf seine Kosten kommen, alleine schon wegen dem queeren Content, der hier sehr selbstverständlich serviert wird.

Zu Us wurde schon sehr viel gesagt. Ich habe mich ein wenig gefürchtet, kann aber auch einige der Kritik, die der Film abgekommen hat, nachvollziehen. Manche Metaphern funktionieren halt nicht unbedingt, und manches ergibt irgendwann keinen Sinn mehr.

Portrait de la jeune fille en feu ist das französische und lesbische Call Me By Your Name. Oder so in der Art. Im Ernst: Es ist ein großartiger Film, der wirklich schön mit dem Thema Liebe umgeht.

Ich dachte, mit Parasite würde ich mir einen Horrorfilm ansehen, aber es war dann nur ein sehr gutes Drama oder ein Thriller, der irgendwo in einem südfranzösischen Fischer*innendorf einen Preis gewonnen hat. Ich denke, der wird mir noch lange in Erinnerung bleiben. Außerdem spielt wieder einmal interessante Architektur eine große Rolle.

Bei The King weiß ich überhaupt nicht, ob der überhaupt zählt, immerhin habe ich den gleich auf Netflix gesehen? Was aber nicht gestört hat. Ein bisschen wie Game of Thrones ohne Drachen und Zombies, dafür aber mit mindestens genauso viel Blut und Drama. Und Timothée. Hach.

Bleiben die richtig schlimmen Blockbuster. Auch zu Avengers: Endgame habe ich nicht viel neues zu sagen. Popcornkino, das ich nicht unbedingt im Kino hätte sehen müssen. Dass Marvel über Jahre hinweg weibliche und PoC-Superheld*innen aufgebaut hat und die dann den ganzen Film über kaum zu sehen sind, fand ich eher schmerzend.

Star Wars: The Rise of Skywalker möchte ich nicht zu viel spoilern. J.J. Abrams wird vermutlich nie lernen, einmal ein Ende zu planen, bevor er eine (Film-)Serie anfängt, was sich auch hier wieder bemerkbar macht. Ich fand so manche Charakterentwicklungen etwas unglaubwürdig. Und was sie mit Leia gemacht haben, finde ich eigentlich eine Frechheit gegenüber Carrie Fisher (und ich spreche nicht vom CGI!). Aber es gibt Laser, Explosionen und Lichtschwerte – ist schon okay so.

Vorsatz für 2020: Filmfestivals mehr ausnutzen und immer aufschreiben, welche Filme ich wann gesehen habe.

Ein Kommentar zu “Der 2019-Filmrückblick

  1. Pingback: 2019 revisited | enjoying the postapocalypse

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