Die Nichtswerdung

Als ich dachte, dass ich bald überhaupt nichts mehr spüren würde.

Die Nebelzuckerwatte berührt meine Fingerspitzen. Zuerst die des Mittelfingers, weil das mein größter Finger ist. Ich versuche, nicht darüber nachzudenken, was mir irgendwer über die Größe von Fingern erzählt hat und welcher eigentlich größer sein sollte, damit das schöner ist. Mir sind solche Dinge egal, seit ich mit 15 oder so mal ein Foto meiner behaarten Metzgerhände machte und sie einer Person schickte, die meinte, sie stehe auf schöne Hände. Ich kann nicht einfach so entscheiden, meine Finger zu mögen, aber ich kann mir zumindest weniger Gedanken darüber machen. Eine dieser Hände, noch nicht im Nebel versunken, hält immer noch instinktiv die Hand der Person, die wir einst Ruth nannten.

Wobei es vielleicht angebracht wäre, mir Gedanken zu machen, immerhin versinke ich in diesem dichten Nebel, der immer und immer näher kommt. Ich versuche den Gedanken zu ignorieren, dass es bald soweit sein könnte, dass ich meine Finger nicht spüre. Wenn mich der Nebel verschluckt, spüre ich vielleicht überhaupt nichts mehr. Spätestens dann wäre es an der Zeit, die Entscheidung, doch kein Buddhist zu werden, noch einmal zu überdenken.

„Du wärst vermutlich der schlechteste Buddhist der Welt.“, spottet eine Stimme.
Immerhin kann die Person, die wir einst Ruth nannten, noch sprechen. Ich weiß nicht, warum mich das beruhigt, immerhin ist sie kein Mensch so wie ich, sondern … irgendetwas anderes. Auch dies wieder eins dieser Themen, wo das Darübernachdenken mich eher unrund macht, weshalb ich es tunlichst vermeide. Meine eigene Sterblichkeit dem unendlichen Mysterium, das die Person, die wir einst Ruth nannten, gegenüberzustellen ist ein unfairer Vergleich, bei dem ich nur weitere deprimierende Gedanken gewinnen kann.

Ich warte den ganzen Tag auf ein Paket, das ohnehin nicht kommt. Ich kann mir das schon denken, bevor es losgeht, aber ich habe trotzdem Hoffnung. Ich bin ein hoffnungsloser Optimist und finde diese Wortschöpfung sehr sinnstiftend. Mir wurde jede Hoffnung genommen, aber ich glaube auch nicht dran, dass es ohne meinen naiven Optimismus besser wäre. All jene Dinge, an die ich von Anfang an nicht geglaubt habe, weil sie zu gut oder zu schrecklich klangen, sind dann doch irgendwie passiert. Irgendwo in Wien steht ein neues Gebäude, in meinem Kopf bleibt nur die halbe Ruine, in der wir leere Patronenhülsen des Institutes für Waldökologie (oder so ähnlich) fanden. Die Vernissage in den Räumen, die wie ein verfickter Traum wirkte, weil alles so surreal war, wie die Dinge in meinen Träumen sind. Ich glaube, schon darüber geschrieben zu haben, aber ich finde den Text nicht mehr – vielleicht war auch das ein surrealer Traum

„Warum sollte ich ein schlechter Buddhist sein? Ich kann sehr ruhig sein. Das einzige, was mich damals davon abhielt, war die Sache mit den Drogen.“
Ich weiß, dass die Person, die wir einst Ruth nannten, mehr weiß. Ich spüre, wie sie in meinen Erinnerungen kramt, genau die richtige herausholt und sie mir wie eine vergiftete Speerspitze zwischen die Rippen rammt.
„Du hast vor allem eine viel bessere Religion gefunden: Atheismus. Die Religion jener, die alles ganz genau wissen, die niemals zweifeln, die sich so viel cooler und besser und ediger fühlen können als diese ganzen merkwürdigen Katholik*innen mit ihren Blutritualen und ihrem merkwürdigen Zombiekult.“

Natürlich. Heute bin ich demütiger, würde eher Agnostiker zu mir sagen, kann mit all diesen Dingen einfach nichts anfangen. Sie sind mir egal geworden, aber ich respektiere, wenn sie anderen Menschen etwas bringen. Aber natürlich hatte ich meine edgy Atheisten-Phase, in der ich mich über mein paar Monate jüngeres Selbst lustig machte, das so etwas wie einen Glauben pflegte. Auch wenn ich damit leben kann, jung und naiv (haha) gewesen zu sein, die Bemerkung trifft mich. Ich sehe nichts mehr, weil der Nebel mich komplett umhüllt hat.

„Falls es dich beruhigt: Du wirst nicht sterben, du wirst nicht aufhören, irgendetwas zu fühlen. Du musst meine Hand nicht halten.“
„Aber ich will sie halten.“

Ich weiß nicht, woher dieser Satz kam.

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