Das Augenöffnen

Als ich Pizza aß.

„Du kannst deine Augen wirklich wieder öffnen.“
Die Person, die wir einst Ruth nannten, wiederholt ihre Aufforderung. Ich kneife meine Augen noch etwas fester zusammen, weil ich mich nicht traue, vor allem nicht, wenn sie mich auffordert. Was habe ich schon zu gewinnen?
„Na los.“
Ich halte ihre Hand und hoffe, dass meine Augen sich von selbst öffnen.

Wir essen Pizza und reden über Sex, als wäre das das normalste der Welt. Eigentlich ist es das normalste der Welt, aber ich komme mir trotzdem merkwürdig dabei vor, als würde ich etwas verbotenes tun. Es ist nicht verboten, Pizza zu essen und über Sex zu reden, so lange niemand zuhört, dem das schaden könnte. Ich schütte scharfes Pizzaöl über meine Pizza, weil ich das immer so mache, weil es das geilste der Welt ist und ich das acht Jahre lang nicht hatte. Die acht Jahre sind jetzt auch schon zweieinhalb Jahre her, aber so viel von dem scharfen Öl hatte ich bisher nicht. Ich habe etwas nachzuholen.

Die Person, die wir einst Ruth nannten, drückt meine Hand fester. Es schmerzt. Es ist unangenehm. Ich möchte, dass sie aufhört. Ich weiß, wie ich sie dazu bewegen könnte. Mein Puls erhöht sich leicht, ich versuche tief einzuatmen. Noch tiefer. Und langsam wieder ausatmen. Durch die Nase. Oder sollte ich durch die Nase einatmen? Ist das nur beim Laufen in der Kälte, weil sich die Luft dann mehr aufwärmt, bevor sie in meine Lungen trifft? Wieso sollte das eine Rolle spielen, können meine Lungen sich einfach nicht beschweren?

„Na komm schon.“
„Au.“
„Verdammt, es gibt wirklich nichts, vor dem du dich fürchten musst.“

Es fühlt sich nach fünf Minuten so an wie immer. Wir lachen. Das ist gut. Ich weiß, dass noch nicht alles wieder so ist wie immer, aber es fühlt sich so an, als wäre alles auf dem Weg der Besserung. Vielleicht nur ein Finger, vielleicht auch die ganze Welt. Die Mandarinen sind immer noch da, ich hab sie nicht gegessen, weil ich nur daran dachte, statt es einfach mal zu tun.

Ich öffne meine Augen. Und öffne sie gleich noch etwas mehr, reiße sie ungläubig auf.

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