Der Passagier

Als Jonathan ein Kind rettete.

Die rasch untergehende Wintersonne färbte die Umgebung der Landstraße in festliche Farben. Wer den Blick von der Straße abwandte, konnte einen glühenden rosa Feuerball sehen, der sich langsam unter den Horizont schlich. Fast so, als wäre der Sonne der Winter ebenfalls zu viel und sie versuche, noch ein paar Minuten Tag mehr herauszuschlagen. Doch Jonathan konnte den Blick nicht von der Straße abwenden. Er musste noch einige Kilometer hinter sich bringen.

Auch wenn er nicht genau wusste, wohin er fahren musste. Solange von der Straße nur Feldwege abzweigten, war das auch kein größeres Problem. Er klopfte auf sein Notizbuch, der Einband schon abgewetzt und die Ränder der Seiten teilweise bereits geknickt. Zwei kurze, feste Klopfer auf den Beifahrer*innensitz, wo das Notizbuch lag, hintereinander. Das war sein Ritual.

Ein Ritual, das Glück bringen sollte. Er wagte es nicht, sein Ritual in Frage zu stellen. Oder auf den Beifahrersitz zu schauen. Oder gar auf den Rücksitz. Er blickte kurz in den Rückspiegel, sah dort aber nichts außergewöhnliches. Die Straße, bereits zur Hälfte in die doch rasch nahende Dunkelheit getaucht, die drei einsamen, dafür aber imposanten Eichen, die er vor wenigen Minuten passiert hatte. Ansonsten nur Weideland, auf dem keine Kühe oder Schafe standen. Und schmutziges, braunes Brachland, das ihn sich einsamer fühlen lies, als er war. Das letzte Mal, das er im Rückspiegel etwas interessantes gesehen hatte, war, als er an dem Autostopper vorbei gefahren war, der ihm daraufhin den Stinkefinger zeigte. Der Mann hatte ausgesehen wie ein sehr bekannter Rockstar. Aber was würde ein sehr bekannter Rockstar schon hier in der Einöde machen, noch dazu ganz ohne Auto?

Jonathan hatte ohnehin keinen Platz, denn eigentlich war er nicht alleine. Am Rücksitz saß ein Kind, das er in der Stadt gerettet hatte. Fast wäre es vor den Bus gelaufen, und er hatte es an beiden Armen hochgehoben, gerade noch rechtzeitig. Sein Herz hatte schon lange nicht mehr so gerast wie in diesem Augenblick. Elternteile waren nirgendwo zu sehen gewesen. Das einzige, was er aus dem Kind herausbekommen hatte, war der Name der Oma: Charlotte. Auf die Frage, wie es hieß, hatte das Kind nur „Tyrannosaurus“ geantwortet. Jonathan ging davon aus, dass das nicht der Name war, der auf offiziellen Dokumenten vermerkt worden war, aber Tyra hatte eigentlich einen schönen Klang.

„Sind wir noch richtig?“, fragte er, ohne sich wirklich eine Antwort zu erhoffen. Im Rückspiegel bewegte sich ein kleiner Kopf nickend, wie er aus den Augenwinkeln heraus wahrnahm. Vielleicht würde er irgendwann ein Gedicht über seine Irrfahrt schreiben, vielleicht würde er wegen Kindesentführung im Gefängnis landen. Aktuell war das ziemlich egal. Er musste Tyra zu Oma Charlotte bringen. Die Dämmerung war beinahe abgeschlossen. Hätte Jonathan sich getraut, die Augen von der Straße abzuwenden, er hätte beobachten können, wie das letzte Fitzelchen der Sonne den Horizont küsste und schließlich verschwand.

Aber er schaute nicht. Er drückte etwas fester aufs Gas, schaltete hoch, genoss das Gefühl der Beschleunigung, das ihm mit angsteinflößender Genauigkeit versicherte, dass er noch am Leben war und nicht träumte. Bis ihn ein Geräusch aus diesen Tag – oder eher Abendträumen riss. Metallisch, als wäre ein Teil vom Motor abgefallen. Er lenkte versuchsweise kurz nach rechts und nach links, aber alles fühlte sich normal an. Auch als er leicht bremste, benahm sich sein Fahrzeug wie immer. Sollte er das Geräusch ignorieren, so wie er den Autostopper ignoriert hatte?

Einige Minuten fuhr er in diesem Zweifel versunken die Straße entlang, die sich immer noch nicht verzweigte. Hätte er die Lichter nicht schon vorher eingeschalten, wäre nun Zeit dafür gewesen, denn die Sonne hatte endgültig aufgegeben. Jonathan popelte, mehr zum Zeitvertreib als dass ihn wirklich ein Fremdkörper in seiner Nase gestört hätte. Verdammt unangenehm, während dem Fahren zu popeln, aber er musste irgendetwas mit seiner Hand tun. Sonst hielt er oft einen Stift oder kritzelte in seinem Notizbuch herum, geometrische Muster und ähnliches. Aber das ging jetzt nicht. In der Dunkelheit würde er ohnehin nicht sehen, was er kritzelte – ganz davon abgesehen, dass er sich nun noch mehr als sonst auf die Straße konzentrieren musste.

Was eine gute Idee war. Auf eben jener Straße lag nämlich ein Baum. Es war eine ähnlich gigantische Eiche wie jene, die er vor zwanzig Minuten passiert hatte. Nur, dass sie eben nicht stand, sondern lag. Zu einem Teil – und zur Verteidigung der Eiche machte die Straße wirklich nur einen kleinen Teil ihrer Gesamtlänge aus – auf der Straße. Jonathan bremste, langsam. Das Auto rollte, ohne Antrieb, beinahe lustlos, bis fast vor den dicken Stamm, bis es zum Stillstand kam.

„Danke, das reicht.“

Die Stimme war erstaunlich klar. Tyro hatte sich davor eher in einer Art gehobenen Babysprache verständigt und meistens nur einsilbig auf seine Fragen geantwortet. Ein ganzer Satz war außergewöhnlich. Als Jonathan sich jedoch umdrehte, um auf den Rücksitz zu schauen, saß da kein Kind. Oder zumindest kein Menschenkind. Ein kleiner, dicker Waschbär drückte mit aller Kraft seine kleine Pfote gegen das Ding, in dem man den Gurt versenkt. Endlich schaffte er es, den orangen Knopf so fest zu drücken, dass er sich befreien konnte.

„Wärst du so gut, das Fenster zu öffnen?“, sagte der Waschbär, der vor kurzem noch ein Kind gewesen war.

Jonathan war zu perplex, um nicht auf den Knopf zu drücken, der das hintere linke Fenster herunterließ. Als der Waschbär mit einem eleganten Satz heraussprang, sah er im Augenwinkel einen weiteren, größeren Waschbären auf der umgefallenen Eiche.

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