Das Ungleichgewicht

Als meine Hände nicht aufhörten.

„Nein, du musst mir meine Träume nicht erklären“, sage ich zu der Person, die wir einst Ruth nannten. Ich weiß selbst, was sie bedeuten. Eine Person, die ich lange nicht gesehen habe und immer schon unglaublich hübsch fand – für die ich also eine ästhetische Anziehung verspürte – hatte irgendein Foto gepostet oder ich musste aus einem anderen Grund an sie denken und deswegen träumte ich davon. Außerdem wird mein Körper nicht oft genug gedrückt, weswegen ich schon merkwürdig zucke, wenn jemand mich freundschaftlich auf die Schulter klopft. Ich bin fast schon wütend über die Suggestion, ich würde meine eigenen, wirren Träume nicht verstehen.

Als ich aus dem Supermarkt trete, fällt mir endlich auf, warum ich mich den ganzen Tag über schon so merkwürdig fühle. Es hat nichts mit den Dingen zu tun, die mich beschäftigen, mit dem unablässigen Regen oder der Anspannung, sondern mit dem biochemischen Ungleichgewicht in meinem Kopf. Zumindest vermute ich das. Ich muss auf den Bus warten, aber das ist nicht schlimm, denn es ist jetzt ja umsonst, außerdem weiß ich nun, was mit mir los ist. Ich stelle mich neben das Bushäuschen, atme tief aus und versinke in meiner Traurigkeit. Meine Handflächen kribbeln. Immerhin weiß ich seit einer Woche, dass ich nicht der einzige Mensch bin, dem es so geht.

Ich sehe durch den transparenten Boden auf die Abermilliarden Galaxien unter mir und frage mich noch einmal, ob ich endlich das Zeitliche gesegnet habe und mich auf einer anderen Bewusstseinsebene befinde.
„Oder du hast einen deiner wirren Träume, die du soooo gut verstehst.“, sagt die Person, die wir einst Ruth nannten. Ihr Tonfall ist spöttisch. Sie hält immer noch meine Hand.
„Du könntest mich in den Arm nehmen, statt dich über mich lustig zu machen.“, antworte ich trocken.
Niemand nimmt mich in den Arm.

Ich denke in den letzten Tagen mehr über Beziehungen nach. Nicht romantische, denn da ist alles geklärt und gut, aber alles, was andere Menschen vielleicht unter dieses magische Label „queerplatonisch“ setzen würden. Ich komme zu keinem guten Ergebnis, denn auch wenn ich jetzt zwanzig Labels für unterschiedliche Formen von Anziehung und gegenseitigem-ins-Leben-mischen habe, so bündeln sich meine Gefühle trotzdem in meiner rechten Handfläche, die mit diesem Kribbeln nicht aufhören will, egal wie oft ich sie wasche. Was ich derzeit sehr gründlich tue, aus guter Bürgerpflicht gegen das Virus. Vielleicht habe ich Glück und irgendwann werden es Stigmata oder ein ekliges Auge wächst drauf, mit dem ich dann das Ende der Welt einleiten kann.

Ich ertrage den Anblick der Sterne nicht mehr. Ich reiße meine Hand los. Fast möchte ich loslaufen und mich nicht einmal umdrehen.

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