Der müde Blick

Als ich aufräumte.

„Gib mir deine Erklärung. Ich möchte es endlich wissen, nach all diesen Jahren.“, flehe ich die Person, die wir einst Ruth nannten, an. Ich erwarte keine Antwort. Zumindest keine klare. In all dieser Zeit, in der ich mich mit ihren orakelhaften Sprüchen herumplagte, habe ich noch nie eine klare Antwort bekommen, warum erwarte ich jetzt eine?
„Oh, du hast schon klare Antworten bekommen. Du hast sie nur nicht annehmen wollen.“
Ich hätte genau das erwarten können, aber aus irgendeinem Grund dachte ich, es würde etwas kommen, was ich besser verwerten könnte. Ich schließe die Augen. Der Abgrund, der nur aus Sternen besteht, macht mich schwindelig.

Ich räume meinen Desktop auf, auf dem ich immer und immer Fotos speichere, die ich irgendwo finde. Meistens sind es Memes oder Bilder von Tieren. Und dann finde ich Erinnerungen, Fotos von mir selbst, die irgendwann einmal auf Facebook waren oder ich finde sie woanders und speichere sie auf meinem Desktop zwischen, um sie anderen Menschen zu schicken. Ich hebe sie alle auf, auch wenn es irgendwo Kopien gibt. Ich finde eins von vier Jahren, auf dem ich sehr fertig in die Kamera schaue. Meine Haare sind länger, mein Bart ist kürzer und Vergangenheitsjoël weiß noch nicht, was für ein Jahr da auf ihn wartet, dass er am Ende einen Roman schreiben wird und selbst der nicht genügend Verdrängung sein wird.

Sich selbst in die Augen zu blicken und nichts sagen zu können, was eins gerne sagen würde, es ist das schrecklichste aller Gefühle. Würde ich mich selbst warnen? Würde ich auf so eine Warnung hören? Was um alles in der Welt – außer den offensichtlichen Dingen – sollte ich anders machen? Und auch anders machen wollen? Ich kann auch in diese müden, erschöpften Augen sehen und mir vorstellen, dass ich vor vier Jahren früher als gewohnt aufstehen habe müssen, dass ich einfach nur fertig war, als ich das Foto machte und selbstverständlich keine Ahnung, was da kommen würde.

„Ich bin kein*e Neurolog*in, woher soll ich wissen, warum deine Hände kribbeln? Es ist irgendein psychosomatischer Scheiß, den du untersuchen lassen sollst.“, rotzt die Person, die wir einst Ruth nannten, mir vor die Füße. Ich weiß, dass auch ihr, wie all diese guten Ratschläge, gut gemeint ist, aber ich kann ihn nicht annehmen. Es macht mich wütend.

Ich springe und erwarte, von dem unsichtbaren, durchsichtigen Fußboden in diesen Haufen von Milliarden von Sternen zu fallen, aber nichts passiert.

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