Der Blütenstaub

Als ich besucht wurde.

Ich blinzele. Und als ich die Augen wieder komplett öffne, sind 51 Tage, eine Stunde, acht Minuten und 47 Sekunden vergangen. Ich stehe in keinem Wald mehr, falls ich je wirklich in einem Wald gestanden bin. Ich stehe in meinem Garten. Er gehört nicht nur mir, aber ich nenne ihn der Einfachheit halber so. Wir gehen mit Gärten, in denen wir uns aufhalten, in denen wir arbeiten, eine Art symbiotische Beziehung ein, egal wie groß oder klein unsere Aktivität ist. Bevor ich weiter über die metaphysischen Verbindungen zwischen Menschen und Gärten nachdenken kann, höre ich eine Stimme, die ich 51 Tage, eine Stunde, 14 Minuten und 29 Sekunden nicht gehört habe. In diesen Zeiten ist das eher ein Grund zur Besorgnis, weswegen ich mich erschrocken umblicke, noch bevor ich wahrnehme, was gesagt wurde.

„Wenn ich zwei Meter von dir entfernt stehe und einen Mundschutz trage, ist es vermutlich nicht ganz illegal, dass ich hier bin, oder?“
Die Person, die wir einst Ruth nannten.

„Bist du nicht so etwas wie … ein Geist? Eine Erscheinung?“
„Ja. Ich wollte lustig sein. Ich dachte, ich schau mal vorbei. Trotz alledem.“
Der Tonfall erschrickt mich. Ich hatte mich auf Spott eingestellt, nicht auf ein Eingeständnis, wie viel von unseren Gesprächen in diesen Texten stattfanden. Ein Piksen in die vierte Wand, ja. Aber die Person, die wir einst Ruth nannten, schickte sich an, sie komplett einzureißen und zuzugeben, dass für Charaktere, die in einem Blogtext erscheinen, das Risiko, sich zu infizieren halt einfach nicht existent ist.

„Oh, da hast du jetzt aber sehr viel in den Fakt interpretiert, dass ich nett sein wollte. Es ist sicher … nicht einfach?“
Ich warte darauf, dass der Garten sich jeden Moment in einen Sumpf verwandelt, in dem ich untergehe, um dann in einem verlassenen Bahnhof zu stehen. Solche Dinge, die sich irgendein Teil meines Hirnes ausdenkt und die die Person, die wir einst Ruth nannten, in die Praxis umsetzt.
Nichts passiert.

Ich grinse. Weil mich die Geste freut.

„Es ist so viel. Alles ist so viel. Jede Woche ist anders, aber jeder Tag fließt in den nächsten. Alles ähnelt sich, und nach einer Woche habe ich keine Lust mehr auf Müsli und traue mich dennoch nicht, eine liebgewonne Tradition, die genau sieben Tage alt ist, aufzugeben.“
„Viel zu viel.“
Die Person, die wir einst Ruth nannten, steht unter dem Quittenbaum und pflückt einen Pfirsich. Einen unglaublich saftigen, sanften Pfirsich, ohne dass Saison wäre. Ich spüre den Geschmack aus zwei Meter Entfernung. Die Armbewegung sieht so grazil aus, ich könnte schwören, dass sie in einem bekannten Gemälde oder Fresko vorkommt. Blütenstaub schwebt durch die Luft, rosa in dem perfekten Abendlicht, das warm in den Garten strahlt.

Für einen Moment lang will ich nichts mehr als diesen Pfirsich.
Die Person, die wir einst Ruth nannten, zwinkert mir zu.

Im Hintergrund ist der Lärm des Stahlwerks zu hören, wie er es nur tief in der Nacht ist.

Ein Kommentar zu “Der Blütenstaub

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